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Ein Stück in zwei Suchen

Prolog

Sprache ohne SzeneProlog

Prolog im Speisesaal

Suche nach Messiassen

Suche nach Messiassen I

Zwischenspiel im Speisesaal

Suche nach Messiassen II

Zwischenspiel im Studierzimmer

Suche nach Messiassen III

Suche nach Menschen

AbschiedSuche nach Menschen

Der Sturz

Hochzeitsmahlzeiten

Erlösuchen

Epilog

Sprache ohne SzeneEpilog

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ACHTUNG:

Dieses Theaterstück enthält Zitate, unter anderem von Wolf-Ditrich Schnurre, Werner Schwab und J.W. Goethe, die bislang nur in der Druckversion als solche ausgewiesen sind. Es ist geplant, sie auch in der Online-Version auszuweisen.


Wer den Messias sucht

Verliert den Menschen

Und findet das Nichts

Personen

Habakuk, der alttestamentarische Prophet,

Abdul Alhazred, Autor des Necronomicon,

Der Herr, der nicht Gott ist,

Eva, seine Tochter,

Der Gärtner, der sie liebt,

Klara, die reiche Tante vom Lande,

Der Mechaniker, der nur in Zitaten spricht,

Der fanatische Priester,

Raphaelo, das Faktotum,

Der unpassende Gospel Chor,

Bedienstete.

Die Dias waren ursprünglich als eine Art Countdown gedacht, was ich inzwischen für etwas primitiv halte. Die Stellen an denen sie stehen sind aber wichtige Punkte im Stück. Momentan würde es mir am besten Gefallen, wenn über das ganze Stück hinweg eine immer bedrohlichere Gewitterstimmung aufgebaut wird, und an den Punkten, an denen ein Dia steht, wird diese Stimmung immer noch bedrohlicher. Am Ende ist die Stimmung dann wieder wie Anfangs (Vogelgezwitscher etc.).

Ort der Handlung

Der Landsitz des Herrn, der an spätmittelalterliche Gutshäuser erinnert.

Zeit der Handlung

Eben dieser Augenblick.

{Anmerkung für Inszenierung Tragaudion}

{Die Regie sitzt in der Mitte des Publikums an einem etwas erhöhten Pult mit einer kleinen Lampe und einem Mikro- oder Megaphon}

Für Dich


Prolog

Sprache ohne Szene

Weibliche Stimme. Märchenerzähler

Alles dunkel, die Stimmen kommen warm und nah vom Band.

Weibliche Stimme »

Die Antwort Gottes:

Märchenerzähler »

Seht auf die Völker, schaut hin, staunt und erstarrt!

Denn ich vollbringe in euren Tagen eine Tat –

Würde man euch davon erzählen, ihr glaubtet es nicht.

 

Denn seht, ich stachle die Chaldäer auf, das grausame, ungestüme Volk,

Das die Weiten der Erde durchzieht,

Um Wohnplätze zu erobern, die ihnen nicht gehören,

Ein furchtbares und schreckliches Volk,

Das selbst sein Recht und seinen Rang bestimmt.

 

Seine Pferde sind schneller als Panther, wilder als die Wölfe am Abend.

Seine Rosse und Reiter stürmen heran, sie kommen aus der Ferne,

Sie fliegen herbei wie ein Geier, der sich auf seinen Fraß stürzt.

 

Sie rücken an, entschlossen zu roher Gewalt,

Alle Gesichter vorwärts gerichtet.

Gefangene raffen sie zusammen wie Sand.

 

Sie machen sich sogar über Könige lustig und lachen über mächtige Fürsten;

Ja, sie spotten über jede Festung, sie schütten einen Erdwall auf und nehmen sie ein.

 

Dann ziehen sie weiter,

Wie der Sturmwind sausen sie dahin.

Doch sie werden es büßen,

Denn sie haben ihre Kraft zu ihrem Gott gemacht.

Weibliche Stimme »

Habakuk eins Punkt fünf bis elf.

Dia »

Denn. Es soll nicht von mir heißen, daß ich nicht aufgepasst hätte.-

Wer sollte einem diesen Vorwurf denn machen? -

Ich mir selbst; erblindet.

Prolog im Speisesaal

Der Herr. Die Bediensteten. Nachher Alhazred.

Großer Speisesaal. Der Herr sitzt am leicht erhöhten Ende der Tafel. Vogelzwitschern. Raphaelo, der Koch, kommt herein.

Raphaelo schaut aus dem Fenster »

Die Sonne hat den Zenit schon überschritten, sie macht sich auf zum Untergang. Wenn ich das sehe, dann wird['s] mir um mein Mittagessen bang.

Zum Herrn

Wollt ihr nicht doch endlich essen? Es wird nicht ewig warm bleiben.

Der Herr nachdenklich »

Wir müssen noch warten, ich erwarte Besuch.

Pause

Ich erwarte Besuch.

Hinter ihm tritt Michaela, eine Gespielin, herein legt ihre Arme um seinen Hals und schmiegt sich an ihn.

Michaela zärtlich »

Laß mich dich liebkosen, dich beruhigen, die Stürme, die in dir um die Wette brausen, werde ich beruhigen.

Dein Geist soll frei sein, genieße, was andere für dich schaffen.

Der Herr stößt ihre Arme weg.

Undankbarer, muß ich zärtlich sein? Einst wurde ich gezwungen, doch jetzt tu ich es dir zuliebe. Du gönnst mir auch nichts.

Geht zu Raphaelo und legt einen Arm um ihn, nicht provokant, eher Mitleid suchend.

Der Herr nachdenklich »

Wir müssen noch warten, ich erwarte Besuch.

Ruf von draußen »

Er kommt, er ist da!

Der Herr »

Hinfort.

Die Zwei stellen sich hinter Vorhänge an der Hinterwand, ihre Schuhe sind noch zu sehen.

Endlich.

Herein Abdul Alhazred, setzt sich am gegenüberliegenden Ende an die Tafel.

Alhazred »

Ihr habt nach mir verlangt, so bin ich gekommen, doch möchte ich mein tiefes Bedauern aussprechen, sollte ich der Grund gewesen sein, weshalb ihr zum Warten angehalten wart. Ich würde es gern wieder gutmachen, doch seid ihr ein so erhabenes Geschöpf, daß meine Phantasie zu begrenzt ist, um den rettenden Geistesblitz mir zu bringen, der mich in eurer Gunst wieder steigen lassen würde. So verfügt über mich, und gebt den Befehl, damit ich aus eurem Munde vernehmen soll, was mir aufgetragen wird. Der Welten Zustand zu verbessern, das sollte meine Aufgabe sein, doch ist mir nichts zu teuer, um als Hand in eure Dienste treten zu können. So verfügt nun über mich, wie es euch dünkt.

Der Herr ernst »

Deine Worte schmeicheln mir.

Lehnt sich satt zurück. Großherzig.

Doch du solltest mich nicht so förmlich ansprechen.

Bestimmend.

Wir wollen doch gute Freunde werden. Also: Sag du zu mir.

Alhazred »

Wie du befiehlst. Was nun ist dein Begehr?

Der Herr »

Es ist folgendes: Irgendwas stimmt nicht in meinem Betrieb. Irgend etwas läuft falsch. Kennst du das, wenn du so'n Gefühl hast, daß etwas im Busch ist, und du kriegst einfach nicht raus, was es ist. Und genau hier brauch ich dich.

Befehlend.

Finde, was mir schlaflose Nächte bereitet, und vertreibe es aus meinen Gefilden.

Fragend.

Würdest du das für mich tun?

Alhazred »

Wie ihr befehlt, und ich weiß bereits, wo der Stein eures – Pardon: deines – Anstoßes liegt. Doch ich denke, daß du nicht gewillt sein wirst, ihn zu beseitigen. Er hängt aber wie ein Damoklesschwert über deinem Haupt.

Der Herr »

Nun sag schon!

Alhazred »

Kennst du den Florian?

Der Herr »

Den Gärtner?

Alhazred »

Deinen Knecht.

Der Herr »

Fürwahr, er dient mir auf besondre Weise,

Nicht irdisch ist sein Tun, doch Scheiße... ist er auch nicht.

Was ist das Vergehen, dem er sich schuldig gemacht? Was macht er falsch?

Treibt ihn die Gärung der Traube in die Ferne?

Ist er sich seiner Tollheiten bewußt?

Alhazred »

Er kann euch nur verworren dienen,

Doch ich werd' ihn zur Klarheit führen.

Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,

Daß Blüt' und Frucht die künft'gen Jahre zieren.

Doch Schluß damit: Er liebt die Pflanzen, doch da er endlich ist, ist es ihm nicht möglich, alle Pflanzen gleich zu lieben. So vernachlässigt er die, die er nicht so mag, und die er liebt, die verwöhnt er. Ist dies deine Intention? Willst du den Garten nach deinen Vorstellungen kreieren, oder soll er nach den Vorstellungen eines Untergebenen gestaltet werden? Der Knecht arbeitet und der Herr entscheidet, so ist es immer schon gewesen, und soll es nicht auch so bleiben? Du bist groß genug, um alle Pflanzen gleich zu behandeln, kannst du also guten Gewissens zulassen, wenn eines deiner Schätzchen eingeht? Ich denke, du solltest es vermeiden.

Der Herr »

Was du mir berichtest, bewegt mich sehr. Ich liebe es nicht, wenn der Garten verkommt, doch hat der Gärtner immer gute Arbeit geleistet. Wieso jetzt nicht mehr?

Alhazred »

Er hat vom sprichwörtlichen Apfel gebissen. Er denkt über das Leben nach, ist nicht mehr der reine Arbeiter, den ihr eingestellt habt. So wird es von Stund zu Stund untauglicher für euch. Pause. Außerdem liebt er eure Tochter.

Der Herr springt auf »

Meine Eva? Geht umher. Dieser Schuft! Das hätte ich ihm nie zugetraut. Dieses Aas.

Wendet sich wieder Alhazred zu.

Und sie, was empfindet sie?

Hockt sich vor ihn hin, indem er die Hände auf den Tisch stützt. Interessiert.

Haben sie miteinander geschlafen?

Alhazred »

Nein, das nicht, aber sie lagen sich schon oft gegenseitig in den Armen.

Der Herr »

Und ich habe nichts gemerkt. Nichts! Ich Narr. Sie ist jetzt mündig, wie konnte ich annehmen, daß sie verschont bleiben würde? Aber warum gerade der Gärtner? Ein Ungebildeter!

Plötzlich aktiv und nervös.

Wo ist sie jetzt? Hast du sie gesehen?

Alhazred »

Ja, sie übt Klavier.

Der Herr schnell ab. Alhazred lacht in sich hinein. Klaviermusik ähnlich „Sarkasmen“. Umbau möglichst bei offener Bühne.

Suche nach Messiassen I

Habakuk. Abdul Alhazred. Der Gärtner. Der Herr. Eva. Der Priester.

Der Garten des Gutes. Alles dunkel. Rechts und links sind Holzregale mit Blumentöpfen zu sehen. Ein Teil der Blumen ist verdorrt, was aber vom Publikum noch nicht zu erkennen ist. Dort liegt auch eine Gestallt am Boden, der Gärtner. Ein Sessel steht rechts hinten. Ansonsten ist das Bühnenbild eher neutral, aber nicht schwarz!

Tapp,tapp,tapp... {Schwaches Licht} Habakuk kommt von links frisch aus dem Solarium auf die Bühne, sieht aber trotz der Entspannung von gerade eben leicht nervös aus. Wenn er die Mitte der Bühne erreicht hat {steht er etwas unschlüssig herum als warte er auf sein Stichwort. Regie kommt aus der Kulisse und geht an ihr Pult, schaltet die Lampe ein und beginnt in diversen Papierstößen zu wühlen. Schließlich findet sie den Zettel, den sie gesucht hat.}

Grelles Licht auf Habakuk.

Regie {liest ab} »

Habakuk, Philosoph, Prophet, heraufbeschworen durch die Finsternis der Antike, durch die frühe Kultur, deren Grausamkeit er angegriffen, geboren, ein schönes Jetzt für seine Kinder und Kindeskinder zu beschreiben.

Habakuk blickt gehetzt, wird dann aber ruhiger »

Ich habe versagt, doch nicht als Einziger.

Von Zeit zu Zeit denke ich gar verdrossen und spärlich interessiert an den Messias, der von seiner Zeit durchaus gierig aufgesogen und aufgegessen wurde, um seine gestohlene Idee, durch Jahrhunderte behutsam getragen und mit einer zu großen Vorsicht angefaßt, als daß sie die Herzen der Priester, die meine Schriften aufbewahrten, hätte angreifen können, zu entstellen und durch weitere 20 Jahrhunderte zu tragen, in denen seine und folglich durchaus auch die als meine zu bezeichnenden Vorstellungen dazu benutzt wurden, die Herzen einfacher Menschen zu erweichen, dadurch also unfähig zu machen, die sonst als Tyrannen verschrienen Herrscher aus den Städten zu verjagen, um freilich die Macht sich selbst einzuverleiben.

Doch der Messias, der nach den Überlieferungen, die ich im unregelmäßig besuchten Religionsunterricht zu bearbeiten gezwungen war, nicht wie ich dem Teufel nur zu entsagen versucht hat, sondern ihn auch seinen Versuchungen widerstehend überwand, wurde zum begehrten Futter der Massen, wie ich es nie war, welches er vor, während und nach seinem Tod sichtlich genoß, trotzdem er vergnügt dazu beigetragen hatte, die Unterwerfung der Massen durch den in abendländischen Herrschern inkarnierten Satan erst in dem beachtlichen Ausmaß möglich zu machen, in dem ich es täglich sehe.

Tapp, tapp, tapp... Er geht zurück ins Solarium. Ab nach rechts.

Regie {dreht den Zettel um, auf dem der Anfangstext stand, liest ab} »

Habakuk, der erste Philosoph mit einem Bild eines liebenden Gottes.

Kurze Pause, abendländische Musik geht in arabische über.

Tapp... Tapp... Tapp... Alhazred kommt langsam von rechts herein, hinkt etwas, wie nach langer Last.

Regie {hat etwas ihren Einsatz verschlafen und beginnt nun hektisch in ihren Papieren zu wühlen, findet einen Zettel und liest ab, Alhazred wartet derweilen erstarrt} »

Abdul Alhazred, der verrückte Araber, eingesponnen in ein Netz aus Sargnagelschmieden und Leichengräbern, seine Visionen zum Absurdum erweiternd.

{Atmet erleichtert durch.}

Alhazred atmet tief durch »

Einst sah ich die Priester als Selbstverständliches das tun, was tief in meiner Brust immer ein Bedürfnis mir gewesen sein mag, doch, so mochte mir die Einsicht geschenkt werden, veranlaßte meine Entdeckung ihren Tod, der ihnen auf so unverhofft schreckliche Weise zustieß, daß noch heute des Nachts die Träume mich aufschrecken lassen und ich mich als gar plötzlich in dem Reich meiner unbändigen Phantasie wiederfinde, deren Ausgeburt eineinhalb Jahrtausende lang so manchen klugen Menschen beschäftigt hat, doch ihn letztlich meist in den doch gar nicht erwünschten Wahnsinn trieb.

Meines unverständlichen Geistes Werk wurde gelesen von den in ewiger Einsamkeit lebenden Anhängern der Idee, über die mein Vorredner ja schon ausführlich zu berichten wußte, und auch weil sie verboten waren, hüteten sie meine Geheimnisse wohl.

Doch als ich neulich ganz unverdrossen einen Buchladen aufsuchte, dessen Quantität das Herz jedes Menschen aufblühen lassen würde, dessen Qualität hingegen selbst im Unmenschen starke Abdomenstörungen hervorrufen muß, stieß ich auf eine Übersetzung meiner Niederschrift, in denen ab und an zu lesen gar sorgsam aufgeschrieben stand, daß man das soeben meist nachts mit der Taschenlampe gelesene keinem Sterblichen anzuvertrauen berechtigt sei, und tief im hinteren Drittel meiner Hypophyse löste sich der Gedanke und wanderte zunehmend rascher werdend durch die ach so zahlreichen Windungen meines [Creutzfeldt-Jakob- Aufgeweichten]* Gehirns, daß auch dies ein zwar guter, aber doch nicht ganz ernst zu nehmender Marketing-Trick sei.

Doch auch andere haben vor dem Verlag, dessen Name hier ungenannt bleiben soll, meine Aufzeichnungen der Öffentlichkeit preisgegeben. Da war, wie um die These durch ein Exempel zu bestätigen, doch einer, der meine Idee zu sehr auf sich bezog und alsbald und gar nicht so alt damit begonnen haben soll, auf den Teppich fremder Leute zu scheißen und diese seine Exkremente als Gottesgabe anzupreisen. Oder der Autor, der seine fast schon schaurigen Geschichten teilweise in den Gegenden meiner Phantasie spielen ließ, um das Geschehene, das selbstverfreilich nur in meinem Kopf existiert, zum Thema für ganz abstruse Geschichten zu machen, deren Lektüre meist auch den geneigten Leser dazu neigend macht, den Kopf zu neigen und einzunicken.

Auch das alles eine gestohlene Idee, die den selbigen abendländischen Herrschern dazu verhalf, ihre Macht, die sie sich durch eigensüchtige Auslegung althergebrachter Texte angeeignet [aneigneten], zu festigen.

Tapp... Tapp... Tapp... Er macht es sich laut seufzend auf einem der Stühle bequem, steht aber, nachdem er keine Position gefunden hat, in der er bequem sitzen kann, wieder auf. Ab nach links.

Regie {dreht wieder den Zettel um und liest ab} während er geht »

Abdul Alhazred, oft zitierter Stammvater vieler gängiger Satanskulte.

Grelles Licht auf den am Boden liegenden Gärtner. Dieser rührt sich nicht.

Regie {legt den Zettel weg, etwas spöttisch} »

Ein Gärtner. Ein stinknormaler Gärtner. Er liegt am Boden, weil er die Geranien verdursten hat lassen. Zu beschämt, sich den Augen seines Herrn zu offenbaren. Er hat versagt. Möglicherweise kann er wegrationalisiert werden? Niemand braucht ihn.

Gärtner eher resigniert als aggressiv »

Halt's Maul. Du kannst mich mal.

Steht auf.

Ich bin auf deine Meinung nicht angewiesen.

Wird lauter.

Ich habe versagt. OK. Doch ist es nicht legitim, daß man auch mal versagt? Bin ich ein perfekter Mensch? Nein, ich bin Gärtner. Der Herr wird mich behalten.

Verzweifelt.

Er kann nicht auf mich verzichten. Wer sollte meine Arbeit übernehmen.

Regie bestimmend »

Was du falsch machst, daß könnten andere besser.

{Schaltet seine Lampe aus.}

Gärtner immer noch verzweifelt »

Aber ich liebe die Pflanzen doch. Man kann ihnen Wasser und Nährsalze geben, aber kann man sie auch lieben? Die Geranien sind nicht eingegangen, weil ich ihnen kein Wasser gab, sondern weil sie mir einfach unsympathisch waren. Ihr aggressives Rot stach in meine Augen, so daß der sich darin befindende Glaskörper verfaulte. Bei ihrem Geruch verkrampfen sich meine Gedärme. Ich konnte Geranien noch nie ausstehen.

Dia »

1

Der Herr kommt auf die Bühne geschlendert, sich genervt mit Alhazred unterhaltend »

Wie konnte denn das passieren, sagten sie nicht, sie würden aufpassen?

Zum Gärtner.

Was willst du denn noch hier?

Der Gärtner nimmt eine auf dem Boden liegende Harke. Ab. Der Herr wendet sich wieder dem Araber zu.

Sie sagten doch, sie hätten eine Idee. Was soll ich denn machen, wenn ich keinen Gärtner mehr habe? Soll ich mich etwa selbst in den Garten stellen, und die Blumen gießen. Abgesehen davon hat er recht. Die Geranien stinken abscheulich. Sie sagen also, ich solle ihn entlassen und eine Maschine an seinen Platz stellen. Wie stellen sie sich das vor? Welche Maschine, wer soll sie bauen?

Alhazred »

Auch wenn du zu bezweifeln wagst, was als Ausgeburt der Menschheit auf Plätzen zu bestaunen steht, so wirst du dich doch der Magie der Maschine, die ich zu bauen beabsichtige, nicht entziehen können, da sie als menschliches perpetum mobile die Kraft der Sonnen im Menschen auffängt und in den Mechanismus einführt. Der Mensch fungiert in ihm als die Solarzelle, die, trotz intensivster Bemühungen seitens der Wissenschaft, zu entwickeln nicht gelungen ist. Weil der Mensch sie schon verkörpert, konnten sie sie nicht erfinden, es sei denn, sie hätten einen Menschen erfunden.

Der Herr blickt ihn ratlos an »

Ich hab kein Wort verstanden.

Pause.

Also soll ich ihn jetzt entlassen oder nicht?

Alhazred überdeutlich, leicht Türkischer Slang »

Du - ihn - nicht - entlassen - ich - brauchen - ihn - für - Maschine - du - verstehen?

Der Herr »

Gut!

Beide ab, überkreuz einer nach links, einer nach rechts.

Habakuk, nur mit einem Handtuch um die Hüfte bekleidet, schiebt sein Solarium auf die Bühne, steckt es in eine Steckdose, nimmt sein Handtuch ab und legt sich hinein. Bühnenbeleuchtung aus, Licht nur von Solarium. Getrampel am rechten Bühnenrand, Geräusch herunterfallender Kartons.

Eva nicht sichtbar in der Dunkelheit des rechten Bühnenrandes »

Verfluchter Scheißdreck, wer hat den Mist denn hier hingestellt.

Habakuk seelenruhig »

Das Ereignis ist die Aufregung, die du ihm zumißt, nicht wert, da es nur tote Materie war, die unverändert zu belassen du nicht geschickt genug warst, doch gönne deinen offensichtlich überspannten Nerven eine Erholungspause und leg dich zu mir in diesen herrlichen Sonnenschein.

Eva gereizt »

Notgeiler Bock.

Drei Fußtritte, Geräusch von Stecker aus der Dose ziehen. Solarium geht aus. Ruhe auf der Bühne.

Hey, ihr Arschlöcher da oben, macht doch mal Licht an!

Grelles Licht auf Eva, die in zerlumpter Jeans und bauchfreiem, da zerrissenem T-Shirt da steht und versucht, mit den vor die Augen geschlagenen Armen selbige vor dem grellen Licht zu schützen.

Nicht so hell! Könnt ihr denn gar nichts richtig machen?

Normale Bühnenbeleuchtung an. Eva geht zu Habakuk. Spöttisch.

Oh du Heiliger. Was liegst du hier, gemächlich vor dich hin dämmernd. Worauf wartest du? Denkst du etwa, die Welt wird besser, wenn du nur lange genug in deinem Solarium liegst? Du hattest doch die ach so tollen Ansichten zum Leben. Du hast sie mich gelehrt, als ich klein war und ich habe sie verinnerlicht. Und jetzt handelst du deinen eigenen Prinzipien zuwider? Was bist du doch für ein erbärmlicher Feigling! Der Herr will die Maschine jetzt bauen. Und was wird aus dem Gärtner?

Schreit.

Ich frage dich, was aus dem Gärtner wird.

Wieder ruhig.

Du warst immer sein Freund. Immer wenn er Probleme hatte, kam er zu dir und du halfst ihm. Und jetzt? Du bist alt geworden. Alt und fett, und deine Energie reicht gerade noch, um deine Kunstsonne einzustecken. Du bist ein Idiot. Ich verachte dich.

Abgewendet.

Ich werde versuchen, meinen Ideale, die einst auch deine waren, zum Durchbruch zu verhelfen.

Sie wendet sich zum gehen.

Habakuk beruhigend »

Oh meine Tochter, was bist du so früh so weise?

Sie bleibt stehen, abgewannt.

Habe ich nicht stets versucht, dich in den Dingen, die mir etwas bedeuteten und immer noch etwas bedeuten zu unterweisen? Warst du nicht immer meine Lieblingsschühlerin, die auch am späten Abend noch in meinem Zimmer saß, wenn ich schon längst schlafen wollte, und immer zu fragte und fragte, um letztendlich noch weiser zu werden, als ich es je war oder sein werde. Und jetzt das.

Er erhebt sich gemächlich aus dem Solarium, bleibt aber darauf sitzen.

Du enttäuschst mich schwer, doch ist es gut enttäuscht zu werden, denn dann ist die Täuschung vorüber. So sehe ich nun klarer [Klara] und weiß, daß sich Weisheit nicht vermitteln läßt, sondern daß man sie sich selbst aneignen muß, um letztendlich wirklich weise zu sein. Laß es mich erklären.

"(Er bindet sein Handtuch wieder um und geht auf sie zu, versucht den Arm um sie zu legen, doch sie schüttelt ihn ab »

Bei allem, welches ich dich gelehrt habe, ist mir noch exakt in Erinnerung geblieben, wie ich darauf kam, dadurch ist es kein Prinzip, sondern die Lehre aus einer gegebenen Situation. Sollte sich die Situation verändern, so kann ich jedesmal von neuem entscheiden, ob ich die Entscheidung, die ich einst traf, hier ebenfalls anwenden kann. Kann ich dies nicht, so kann ich unverzüglich damit beginnen, eine neue Entscheidung mir auszudenken. Wenn aber, wie es leider bei dir der Fall zu sein scheint, die Entscheidung auf einem Prinzip beruht, und folglich nicht dem eigenen Gehirn entsprang, so stellt man sich offensichtlich nicht die Frage, ob dieses Prinzip überall wirklich angewendet werden kann. Es sollte auf dieser Welt keine Prinzipien geben, denn so überprüfen wir nicht mehr den einzelnen Sachverhalt. Verstehst du jetzt?

Er seufzt.

Eva dreht sich rasch um und geht einen Schritt zurück »

Und was ist an diesem Fall anders als an allen anderen, in denen du bis jetzt gleich gehandelt hast? Gibt es wirklich einen Unterschied? Oder bist du nicht doch einfach nur zu träge, um den anstrengenden Weg zu gehen? Dein untertänigster Freund, der Gärtner, ist kurz vor'm abkacken, und du willst erst die Situation prüfen? Schwachkopf!

Dreht sich wieder weg.

Habakuk »

Ich habe die Situation bereits geprüft, und es gibt einen großen Unterschied. Abdul Alhazred ist jetzt hier. Du kennst ihn nicht, aber ich weiß, daß er der neue Berater des Herrn ist. Er ist viel jünger als ich, und doch ist seine Macht gewaltig. Es ist eben ein verlockendes Angebot, einen Gärtner einsparen zu können, wenn man statt dessen eine Maschine bauen kann. Durchaus überlegenswert der Vorschlag. Bei dieser Entscheidung darf ich nicht allein das Wohl des Gärtners im Auge haben, sondern in erster Linie das Wohl der Pflanzen. Denn die Pflanzen sind das, worauf es dem Herrn ankommt, und wenn ich mit dem Wohl des Gärtners argumentiere, dann wird er mir nie sein Ohr schenken, ich muß es über die Pflanzen versuchen. Im Moment aber spricht nichts gegen eine Maschine, es dürfte dem Garten zu Gute kommen. Er ist nicht mehr von der Gunst des Gärtners abhängig, sondern alle Pflanzen erhalten genau die richtige Behandlung. So kann vermutlich der Garten besser gedeihen. Ich weiß, daß es nicht so sein wird, aber ich fühle es nur, ich habe dafür kein Argument, und der Herr ist nun mal nur für Argumente zugänglich. Versteh' das doch. Ich versuche nur, ein Argument zu finden, das den Herrn umstimmen könnte.

Eva wie oben »

Du hast Schiß. Was willst du mit deinen Argumenten, wenn es um einen Freund geht? Du solltest doch zuerst an den Freund denken, und ihn, wenn es sein muß, mit allem was du aufbringen kannst, beschützen.

Habakuk rollt das Kabel des Solariums auf und schiebt es wieder hinter die Bühne »

Ich glaube, es ist besser, wenn ich wieder gehe. Ab.

Eva steht unschlüssig auf der Bühne, schlägt sich plötzlich mit beiden Fäusten gegen die Stirn und schreit »

Scheiße.

Regie {Lampe immer noch aus} »

Warum regst du dich so auf? Er ist doch dein Meister. Bist du wirklich schon so erfahren, daß du dir ein Urteil ihm gegenüber erlauben kannst? Du bist nichts. Kleines Mädchen, geh nach Hause, verkriech dich unter dem Bett, du kannst ja doch nichts machen. Gegen diese großen Herren bist du machtlos.

Eva »

Ich will aber nicht machtlos sein, und ich glaube auch nicht, daß ich es bin. Ich werde es schaffen, ich werde Habakuk, den alt und fett gewordenen Philosophen, beerben, und ich werde das Werk vollenden, zu dem er jetzt zu feige ist.

Dia »

2

Eva Ab.

Regie nachdem sie gegangen ist »

Du weißt doch gar nicht, was das Werk sein soll.

Pause. {Schaltet ihre Lampe ein und beginnt wieder in Papierstößen zu wühlen, dabei spricht sie stockend und nachdenklich.}

Der eigentliche Grund, warum Eva sich so über Habakuks Verhalten aufregt, ist natürlich, daß sie unsterblich in ihn – den Gärtner – verliebt ist.

{Findet einen bestimmten Zettel und sieht sich offenbar durch das was darauf steht in seiner Meinung bestätigt, sie beginnt aufzuzählen.}

Als vor einem Jahr der Molkereimeister durch eine Melkmaschine ersetzt wurde, sah sie seelenruhig zu, wie er gefeuert wurde. Sie hatte auch nichts dagegen, daß der Chauffeur entlassen wurde. Der Herr fährt jetzt selbst.

{Legt den Zettel aus der Hand.}

Der Gärtner aber ist ein attraktiver Mann, jung und kräftig. Doch Eva darf nicht mit ihm ins Bett, ihr Vater würde das nie zulassen. Wenn er jetzt aber entlassen wird, dann sieht sie ihn vielleicht nie wieder. Aber... warten sie mal, er will ihn ja gar nicht entlassen... Hm...

Zu sich selbst.

Aber das weiß Eva ja noch gar nicht.

[

Wieder zum Publikum.

Dann wird ja vielleicht doch noch alles gut.

]

Licht aus. Wenn Licht wieder an geht, sieht man den Gärtner mit dem Rücken zum Publikum vor der hinteren Bühnenwand knien, die Hände gefaltet. Er murmelt vor sich hin. Habakuk von rechts.

Habakuk lässig »

Der wird dir auch nicht helfen. Das hab ich auch mal gedacht, aber der ist faul, der tut nichts.

Der Gärtner beachtet ihn nicht.

{Die Regie steht auf und geht zur Theke im Zuschauerraum um sich ein Bier zu holen.}

Habakuk setzt sich vorne an die Bühne. Zum Publikum »

Als ich noch zu jung war, um in die Kreise der Männer zu kommen, berichtete mir meine auf ewig zu liebende Mutter, ein Mann würde existieren, der, sollte ich mich ungezogen benehmen, kommen würde um mich zu bestrafen. Sie hat nie konkretisieren können, auf welche Weise eine solche Züchtigung vor sich gehen würde, und zudem konnte sie mir keinen Fall schildern, der als Beweis für die Existenz dieses „bösen Mannes“ – denn so nannte sie ihn – zugelassen hätte werden können. Ich lebte in dieser Zeit in einer ewig währenden Unsicherheit, denn die Angst vor den Konsequenzen einer Tat war eben so stark wie der Trieb, das Unzüchtige zu praktizieren, welches die Alten verteufelten. Die Einsicht, daß ich von diesem »bösen Mann« nichts zu befürchten haben konnte, wurde mir dann im Alter von jugendlichen fünfzehn Jahren geschenkt. Ich konnte nicht mehr verstehen, warum der Mann, der mich für verbotene Taten bestrafen sollte, ein böser Mann sein sollte, denn dies hätte ja beinhaltet, daß der Böse das Böse bekämpft, dann wäre er aber gut, folglich mußte er das Gute bekämpfen, folglich tat ich das Gute, das Richtige, und all die, welche mir erzählen wollten, daß ich falsch leben würde, mußten selbst mit Konsequenzen rechnen. In den Anfängen meines Denkens setzte ich stets den bösen Mann mit dem Herrn gleich, ...

Gospel Chor nicht sichtbar »

Oh, Lord.

Habakuk beachtet das nicht »

... doch als mir dann bewußt wurde, daß der böse Mann das Gute bekämpft gelangte ich zu der Überzeugung, daß der Herr folglich gut sein muß, und auch gut zu mir.

{Die Regie kommt von der Theke zurück und stellt sich an den Rand des Publikums}

Das alles ist jetzt zweitausend Jahre her, und ich weiß immer noch nicht, was an dieser Vorstellung falsch ist, doch daß etwas falsch ist, sagt mir ein untrügliches Gefühl, das jeden Abend meine Gedärme dazu bringt, nicht aufgenommene Stoffwechselendprodukte hinaus zu befördern, um ein Ersticken des Körpers – dem nutzlosesten aller Teile des Menschen – an unbrauchbaren Dingen zu vermeiden.

Während des letzten Satzes hat sich der Gärtner erhoben und sich umgedreht. Er kommt jetzt langsam und mit gesengtem Blick auf Habakuk zu.

Habakuk locker »

Ach, hallo, na, wie geht's?

Gärtner müde »

Na ja, ich glaube, es ist aus.

Habakuk ermutigend »

Hey, nimm ´s nicht so schwer. Das wird schon wieder.

Gärtner ab nach links. Wenn er weg ist.

Der Unschuldige fällt der Rationalisierung als erster zum Opfer, den der Unschuldige macht sich nicht schuldig in dem er sich wehrt. Der Herr hat das Recht, ihn zu ersetzen, und wenn er dieses Recht ausüben möchte, so stellt sich der Unschuldige ihm nicht in den Weg. So ist er. Ich hingegen bin nicht unschuldig, so ist es auch unerheblich, wenn ich erneut schuldig werde, doch ich muß mir noch im klaren darüber werden, ob ich dem Unschuldigen helfen möchte, denn der Unschuldige ist auch der Feige. Er ergibt sich in sein Schicksal ohne zu fragen, ob er selbst es ändern kann. Er ist der ideale Untertan, deshalb war es auch lange Zeit ein hohes Gut der niederen Menschen, unschuldig zu bleiben, gefördert durch die Machthaber, die so erst recht ihre Macht ausnützen konnten.

{Die Regie geht durch die Reihen des Publikums und setzt sich wieder an ihren Platz ohne die Lampe einzuschalten}

Die Grundform der Angst ist die Todesangst, jede andere leitet sich nur davon ab, so mußten sie versuchen, eine Todesangst bei den Untertanen zu erzeugen, falls diese auf die Idee kommen sollten, einmal schuldig zu werden. Sie machten das auf sehr groteske Art, indem sie versuchten, den Menschen die Todesangst zu nehmen und sie ihnen nur zurückzugeben, falls sie schuldig werden sollten. Geschickte Taktik. Längst durchschaut und doch noch wirkungsvoll.

Kurze Pause. Der Herr herein von links, setzt sich neben Habakuk. Der wollte gerade wieder etwas sagen, verstummt aber, als er den Herrn erblickt. Er schaut verlegen auf den Boden.

Der Herr unbefangen »

Oh mein Gott, was für ein Scheißtag. Streik, Mord, Streik, Mord, Streik, Mord, Streik, Mord, Streik, Mord, Streik, Mord, Streik, Mord, Streik, Mord. Toll, gell? Na ja, ich glaub', ich bin echt nicht zu beneiden, oder?

Habakuk unverbindlich »

Sicher.

Der Herr hat die Antwort gar nicht abgewartet »

Ja, ja, so ist das Leben... Pause. Hast du schon gehört, ich möcht jetzt im Garten eine Maschine einsetzten. Was hältst du denn davon? Weißt du, mein neuer Berater - kennst du ihn eigentlich... ich werd' ihn dir mal vorstellen – jedenfalls, der hat gemeint, daß es mir was bringen kann, wenn ich versuche, etwas mehr auf die Technik zu setzten. Neulich hat der Gärtner doch glatt die Geranien verdursten lassen, ich meine es ist zwar nicht so schade um die Geranien, aber nächstes mal sind es vielleicht dann die Tulpen oder die Orchideen. Du weißt doch, wie ich Orchideen mag, auch wenn sie nach einer etwas abgegriffenen Hure an Ende einer langen Nacht riechen.

Lacht rauh über diese „obszöne Anspielung“. Wieder ernst.

Aber mal ehrlich, so ein Risiko kann ich nicht eingehen, oder?

Habakuk »

Sicher.

Der Herr »

Nein, nein, das Risiko ist einfach zu groß, einmal bin ich mal ´ne Woche weg, und der ganze Garten ist hin. Außerdem hat Abdul mir versprochen, daß der Gärtner seine Stelle behält, auch wenn er vielleicht nicht mehr das selbe Gehalt bekommt wie vorher, er hat ja auch nicht mehr so viel zu tun.

Bei dem Namen „Abdul“ schaut Habakuk interessiert mit einer Spur Angst in den Augen zum Herrn, als dieser sagt, daß der Gärtner nicht entlassen wird, steht er auf und geht unruhig im Kreiß.

{Gleichzeitig schaltet die Regie ihre Lampe ein und beginnt in Papier zu wühlen, hört nicht damit auf, bis sie das nächste mal etwas sagt.}

Der Herr wird im gleichen Moment etwas unsicher, spricht etwas leiser und steht bei den letzten Worten auf. Er schaut Habakuk verwirrt an.

Der Herr »

Was'n los?

Pause.

Is´ irgendwas?

Habakuk zu sich selbst »

Abdul Alhazred, ich wußt´s doch.

Heftiger zum Herrn.

Er ist euer Berater? Abdul Alhazred. Ihr wißt also auch, wie er heißt. Ist er es wirklich?

Der Herr immer noch verwirrt »

Ja, wieso?

Etwas sicherer.

Er ist ein . . .

sicher, mit Nachdruck

. . . ausgezeichneter . . .

etwas leiser

. . . Berater.

Regie {Legt seine Zettel weg, schaltet die Lampe aus und spricht über das Mikro- bzw. Megaphon} »

Der Herr bitte ans Telephon.

Der Herr verwirrt und unschlüssig ab nach rechts, dreht sich noch zweimal zu Habakuk um, der nervös in die linke obere Ecke der Bühne schaut und sich die Hände immer wieder an seiner Kleidung abwischt. Der Herr will jedesmal etwas sagen, bleibt dann aber doch stumm. Als er sich zum zweiten mal wieder dem Ausgang zuwenden will, stolpert er über seine eigenen Füße. Er bleibt einen Moment lang ratlos liegen, steht dann wieder auf und geht schnell ab.

Dia »

3

Habakuk »

Warum hast du ihn weggelockt? Ich wollte noch mit ihm reden!

Regie »

Du hast mir vorhin gesagt, daß du denkst, daß deine Vorstellung vom bösen Mann und dem Herrn falsch sei, du wüßtest aber nicht, wieso. Jetzt weißt du warum. Der böse Mann und der Herr arbeiten zusammen.

Habakuk überlegt »

Hm, möglicherweise ist Abdul der böse Mann, aber was mich vielmehr interessiert ist, warum er den Gärtner nicht entlassen will. Könnte es sein, daß er ihn doch braucht, weil er weiß, daß Pflanzen auch Liebe brauchen?

Regie »

Alhazred sagte – ich zitiere.

{Schaltet die Lampe an, sucht nach einem Zettel} Imitiert Alhazreds Sprache.

„Du - ihn - nicht - entlassen - ich - brauchen - ihn - für - Maschine - du - verstehen?“

{Legt den Zettel weg}

Aber was er damit gemeint hat, ist mir nicht klar. Eventuell braucht er ihn, um jetzt die Maschine zu warten.

Habakuk überlegt, wird aber vom Priester unterbrochen, der mit gehetztem Blick vom rechten Bühnenrand gelaufen kommt. Er bleibt vor Habakuk stehen und schaut ihn lange an, wobei er seinen Kopf in kreisenden Bewegungen wie wahnsinnig um den Habakuks bewegt. Dann weicht er plötzlich erschrocken zurück und fällt hin.

Priester mit sich überschlagender Stimme »

Wer bist du? Satan!

Regie {nimmt einen Zettel, den er eigentlich schon weggelegt hatte} »

Habakuk, Philosoph, Prophet, heraufbeschworen durch die Finsternis der Antike, durch die frühe Kultur, deren Grausamkeit er angegriffen, geboren, ein schönes Jetzt für seine Kinder und Kindeskinder zu beschreiben.

{Schaltet die Lampe aus.}

Priester etwas ruhiger, immer noch gehetzt »

Sie haben die Wohnstätte des Allmächtigen verbrannt, sie haben all das seinige Gold gestohlen, . . .

steht auf, deutet auf rechten Bühnenrand

. . . haben den Opferstock geplündert und die Symbole der Dreifaltigkeit zersägt.

Regie {abfällig} »

Endlich is´ mal einer vernünftig.

{Steht auf und geht wieder an die Bar.}

Habakuk {ruft Regie nach} »

Ach sei still.

Zum Priester.

Wer bist du denn? Ich hab dich noch nie gesehen.

Priester entspannt sich »

Ich bin Gottes unterwürfigster Diener. Nie habe ich mir etwas zu schulden kommen lassen, ich habe immer versucht, exakt die Befehle meines Schöpfers zu befolgen, und ich werde sie auch weiter befolgen.

Ab, setzt sich evtl. ins Publikum.

Habakuk etwas erzürnt {Richtung Bar / Regie} »

Mußte das denn sein. Der Mann war doch total fertig, hast du das nicht gesehen. Ich bin ja auch deiner Meinung, aber man muß es doch nicht gerade einem Priester gegenüber raushängen lassen.

Gebildet, leicht überheblich.

Man sollte stets versuchen, die Menschen, die einem begegnen, glücklich zu machen. Eine Person, die versucht, einer anderen Person etwas schlechtes anzutun, leidet an ihren eigenen Aggressionen, die sie zu bändigen nicht im Stande ist. Doch Aggressionen sind die Wurzel allen Übels, und somit aufs strengste zu vermeiden.

Alhazred noch von draußen »

Mann, Habakuk, redest du eine Scheiße.

Kommt herein.

Schau dir doch mal den Gärtner an, der hat keine Aggressionen, und er ist ein Idiot, denn dadurch wird er vernichtet werden.

Habakuk »

Eva hat Aggressionen – gegen dich – und sie wird daran zugrunde gehen.

Wendet sich ab.

Wozu sollen bitte Aggressionen nützlich sein? Wird der Mensch besser, wenn er ein größeres Aggressionspotential in sich birgt, wird er intelligenter oder leistungsfähiger, schöner oder begehrenswerter? Mit Sicherheit Nein. Diese Erfahrung machte ich, der ich nie aggressiv sein wollte, da der Haß das menschliche Antlitz zur Fratze verzerrt, die Muskelmasse seiner Extremitäten aufs Häßlichste zum Vorschein bringt, und jedes andere zwischenmenschliche Gefühl abtötet. Wie soll eine so beschaffene Eigenart positive Auswirkungen auf den Menschen haben?

Alhazred »

Ganz einfach. Aggression macht zwischenmenschliche Beziehungen überhaupt erst möglich. Was würden wir machen, wenn es keine Aggressionen gäbe? Wir zum Beispiel würden gar nicht miteinander reden, weil keiner genug Aggressionen hätte, den anderen überhaupt anzusprechen. Meinst du, Eva würde den Gärtner lieben, wenn sie keine Aggressionen hätte, oder meinst du, der Herr würde überhaupt etwas essen, wenn er nicht die Aggression hätte, weiterzuleben? Meinst du, das Publikum würde anwesend bleiben, wenn es nicht masochistische Aggressionen gegen sich selbst hätte? Ich sage dir, Aggression ist die Triebfeder jedes menschlichen Handelns.

Habakuk »

Nein, denn wenn der Gärtner keine Aggressionen hat – wie du ja behauptest – wieso liebt er dann Eva? Sind dafür nicht Aggressionen – nach deiner Definition – von Nöten?

Alhazred »

Nun gut, er mag auch ein paar Aggressionen haben, sonst würde er ja gar nicht mehr leben. Doch sie reichen offensichtlich nicht aus, um auch in einer solch schwierigen Situation zu überleben. Du siehst doch auch, daß er dem gegenüber, das ihn vernichten wird, total machtlos ist, oder nicht?

Habakuk »

Nein, er vertraut auf das, was ich ihm gelehrt habe. Einen Grundbegriff meiner Idee. Wenn dir einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin!

Alhazred leicht überheblich »

So sei du nur der, der du immer sein wolltest, und werde glücklich damit. Glücklich, doch einfältig; Zufrieden, doch gefangen. Gefangen in einer abstrakten Idee ohne die Welt, den Menschen: das Tier wie auch den Gott in ihm zu berücksichtigen oder auch nur zu erkennen. Eine Idee, die so weit vom Leben, in dem auch du dich befindest, entfernt ist, daß du auch selbst so weit von ihr entfernt bist, daß dich die Diskrepanz wahnsinnig werden läßt. Der vordergründig dumme und feige Gärtner verwirklicht tatsächlich den ältesten aller Triebe, den selbst ein Virus schon besitzt: Er möchte überleben. Deshalb schaltet er seine Aggressionen aus, aus Angst. Und er wird überleben, was ich dir nicht garantieren kann. Denn du stellst das Ideal höher als das Leben, ohne wissen zu wollen, daß das Ideal ohne Leben nichts ist. Ich kann dir nur einen Tip geben: Lebe! Anerkenne, daß du ein Mensch bist und freue dich, ein Mensch zu sein. Vergiß das Angelernte und Erzwungene und lasse deinen Gefühlen freien Lauf.

Habakuk »

Du willst überleben, das ist verständlich. Doch birgt das Leben nicht den Tod? Und ist der Tod nicht dem leblosen Leben vorzuziehen? Wird der Gärtner leben oder nicht doch nur existieren? Und wird er letztlich nicht doch sterben? Im Endeffekt überlebt keiner, es ist immer nur eine Frage der Zeit. Du läßt das Leben nur für dich zu, die anderen sollen existieren, um dir dein Leben zu ermöglichen. Und du wagst es, mich, einen der alten Propheten, dazu zu ermutigen, dein Leben mit zu ermöglichen. Doch nein, du lebst nicht, du denkst es wahrscheinlich, doch es ist nicht so. Denn zum Leben gehört mehr als das, was du darunter verstehst: Fressen, saufen, ficken und quälen, andere unschuldige Menschen zu quälen. Du Satan.

Alhazred heftig »

Ja, das bin ich vielleicht, der Satan.

Doch kann ich es nur sein, wenn gut und böse existieren.

Doch es existiert nur in deinem Kopf.

Doch dein Kopf kann [nicht] die makrokosmische Ewigkeit [nicht] fassen.

Doch in dieser leben wir.

Müde.

Doch wir verstehen sie nicht.

Langsam ab.

Dia »

4

Habakuk beginnt zu weinen. Vorhang.

Zwischenspiel im Speisesaal

Eva. Der Herr.

Bühnenbild wie beim PROLOG IM SPEISESAAL, doch keine Vögel. {Die Regie hängt an der Bar herum und trinkt.}

Eva kniet am vorderen Bühnenrand »

Zerdrückt bin ich zwischen den Fingern anderer, die einst noch meine Freunde waren. Zerdrückt bin ich durch Zuneigung – nein Liebe – zu dem Menschen, der entmenschlicht werden soll. Zerdrücken will ich das Böse, das in attraktiver Gestalt das Wesen der Welt vereinnahmt um es zu unterwerfen.

Steht auf.

Und zerdrücken werde ich alles, was sich mir in den Weg stellt.

Schaut nach dem Stuhl des Herrn.

Mein Vater ist zum Teufel metamorphiert, den er noch in meiner Pubertät mir auszutreiben sich bemühte, zum Satan.

Sie schaut zum gegenüberliegenden Tischende.

Sein Berater ist der Lichtbringer, der abgefallene Engel Luzifer.

Schaut nach oben.

Wer ist Habakuk?

Schaut nach unten.

Ein Nephilim, Sohn der Gefallenen Engel, der Verbindung mit Erdentöchtern entsprungen. Ein Riese, wie die alte Schrift sagt. Sie haben schon einmal dazu beigetragen, die Welt zu vernichten.

Visionär.

Entkam nicht einer mit seinem Boot?

Lächelnd.

Von jedem Tier ein Pärchen.

Wieder wie anfangs.

Doch wenn Gott wieder das Böse vernichten will, wer soll dann noch überleben?

Zum Publikum.

Sehen sie einen? Soll ich es vielleicht sein? Wer wäre mein Mann? Der Gärtner? Nein, er wird vorher sterben, ich weiß es.

Sie geht auf des Herren Stuhl zu und setzt sich während sie sprich.

Und selbst wenn ich auch sterben muß, so wäre es mir eine tiefe Befriedigung, sitzt zu wissen, daß alle,

läßt ihren ausgestreckten Arm um sich kreisen

ihr alle, mit mir sterben werdet, und die Welt wieder sauber und rein sein wird. Ohne Makel, und auch die Narben werden verheilen.

Sie lehnt sich zurück, verschränkt die Arme.

Glücklich werden ich sein, aus dem Himmelreich zu sehen, wie die Welt genesen wird.

Der Herr tritt auf, sie zuckt zusammen.

Der Herr müde »

Warum sitzt du schon am Tisch? Und warum auf meinem Platz?

Eva »

Ich möchte zusehen, wie ihr eßt!

Der Herr »

Ich werde heute nichts essen, ich habe zu viel zu tun. Bestimmend. Und selbst wenn wir heute essen, dann setzte ich mich ans Tischende.

Eva »

Ihr werdet essen, die Vorspeise habt ihr euch schon einverleibt, und ich werde sehen, wenn du und dein Kumpane sich über den vermodernden Braten hermachen und ihn mit fettigen Fingern in eure krakeelenden Mäuler stopft. Und wenn die Sonne dreimal wieder aufgegangen ist, dann wird Raphaelo mir ein festlich Essen bereiten und ich werde lachen und lachen und fressen und saufen.

Der Herr »

Wie redest du denn? Was soll das?

Eva »

Bist du wirklich so beschränkt, daß ich deutlicher werden muß? Der Gärtner! Ihr verspeist ihn, habt schon angefangen. Und als Ausgleich werde ich euch zur Hölle schicken.

Der Herr versteht sie nicht, väterlich »

Mein liebes Mädchen, beruhig dich doch erstmal. Du bist verliebt, ...

Eva energisch »

Wer sagt das?

Der Herr »

... so ist es nicht verwunderlich, daß du dich aufregst. Doch schlaf erstmal darüber, Morgen wirst du klarer [Klara] sehen.

Eva »

Wer sagt, daß ich verliebt bin?

Der Herr »

Das ist doch jetzt egal.

Eva »

Wer?

Der Herr überwindet sich »

Abdul.

Eva »

Wie kannst du es wagen, diesem Menschen alles zu glauben? Du kennst ihn doch gar nicht! Wer weiß, was das für einer ist. Mir ist er jedenfalls sehr suspekt.

Der Herr »

Ich habe keinen Grund, ihm nicht zu vertrauen. Er ist ein sehr ergebener Diener. Aber lassen wir das. Leg dich hin und schlaf, es ist schon spät. Ab.

Eva »

Er weicht mir aus, er ist sich seiner Sache durchaus nicht so sicher, wie er den Anschein zu erwecken sucht.

Blickt nachdenklich, Licht aus.

Suche nach Messiassen II

Der Priester. Abdul Alhazred. Der Herr. Klara. Habakuk

Bühnenbild wie bei I, doch wurde der Sessel durch eine Holzbank ersetzt.

{Der Priester kommt zusammen mit der Regie von der Bar, die Regie gibt ihm einen Klaps auf die Schulter, beide gehen an ihren Platz.}

Der Priester müde »

Sie haben alles zerstört, nichts ist mir geblieben bis auf meine gefalteten Hände, um den Allmächtigen zu ehren. Aufbrausend. Was wollten sie? Was konnten sie sich bei mir holen, was ich ihnen nicht gegeben hätte? Ich weiß noch, wie sie vor Jahren zu mir kamen, um zu lernen, wie man ein ergebener Diener Gottes wird, doch nichts davon wurden sie. Kann ich aber behaupten, sie wären schlechte Menschen? Ist es nicht vielmehr die Zeit, die ihre eigentlich zum guten bestimmten Kräfte für die Vernichtung tauglich macht? Tief im Innersten ihrer Herzen sind sie gut, ich weiß es genau. Ich muß aber gegen sie kämpfen, denn sie vernichten meinen Glauben, verzehren ihn mit jedem Streichholz, das sie nicht entzünden um ihre Zigaretten zu rauchen, sondern mit dem sie die Bildnisse unseres Schöpfers zerstören. Brandstifter sind sie, nicht nur in der Materie, und doch habe ich sie einst geliebt, als sie als unschuldig holde Knaben auf meinem Knie saßen und ich mit ihnen „Hoppa Hoppa Reiter“ spielte. Ihr lieblich güldenes Haar strich über mein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht, auf dem wie bei einem Baum an den Falten die Jahre der irdischen Existenz zum Ablesen aufgeschrieben standen. Meine Bartstoppel rieben sich angenehm an ihrer Kopfhaut, und lustig war es, Sonntag nachmittags so mit ihren Müttern bei einer Tasse guten Kaffees auf der sonnenbeschienenen Veranda zu sitzen und sich über die irdischsten Dinge zu unterhalten.

Doch vorbei ist die Muse, die Last begann von neuem. Kämpfen muß man, um zu überleben, und sterben, um ewig zu leben. Die überlieferten Worte sprechen von Zeiten wie der heutigen, doch sind wir noch nicht am Ende aller Prophezeiungen angelangt. Noch ist die Suche nach Wahrheit nicht beendet, so gehen und fallen wir.

Regie {Lampe aus} »

Du sprichst weise, aber zu wem? Glaubst du, daß das hier irgendeinen interessiert? Doch nicht ernsthaft. Die Zeit ist die Zeit, weil die Zeit Zeit gebiert. Jedes Denken um die Zeit ist vergebens, solange das Denken von Zeit abhängig ist. Zeit kommt und geht, die momentane ist nie faßbar. Alles ist Vergangenheit, die Zukunft, die wir uns denken, ist nur eine Collage der bereits erlebten Eindrücke und Erinnerungen, der menschliche Geist ist nicht in der Lage, etwas neues zu schaffen. So drehen wir uns ewig im Kreiß, bis ein Einfluß von außen kommt und unsere Geschwindigkeit, mit der wir uns im Kreiß bewegen, erhöht, so das die Zentripetalkraft etwas nachläßt und der Kreiß größer wird.

Der Priester »

Wenn es ist, wie du sagst, so ist es ein Beweis für Gott, den andernfalls würden wir uns nicht im Kreiße drehen, sondern wären eins mit seinem Mittelpunkt.

Regie »

Was willst du mit einem beweisbaren Gott? Ist es nicht gerade das Glauben und Nicht-Wissen, das den Glaubenden oft so viel stärker macht als den Wissenden. Wenn du Gott wirklich kennst, dann kannst du nicht mehr hoffen, denn dann weißt du alles. So bleibe lieber in deiner Unwissenheit, in deinem Glauben. Du fährst besser damit.

Der Priester »

Mag sein, mag sein. Pause. Doch sag mir, was geht hier vor? Ich habe länger beobachtet, wie die Leute hier reden, und es kommt mir sehr seltsam vor. Worum geht es?

Regie »

Da kommt Abdul Alhazred, frag den, der weiß es besser.

Herein Alhazred, fröhlich vor sich hin pfeifend. Sieht den Priester, der ihn mit großen Augen anblickt, hört auf, bleibt stehen.

Alhazred »

Hallo, darf man fragen, wer sie sind, ich habe sie hier noch nie gesehen.

Der Priester bleibt auf Distanz »

Ich bin Priester, doch das dürfte ihnen wohl nichts sagen.

Alhazred »

Wieso?

Der Priester »

Ich habe die Vorgänge hier etwas beobachtet, und sie erscheinen mir etwas verwirrend. Könnten sie mich vielleicht aufklären, wie ich sie zu verstehen habe?

Alhazred »

Haben sie denn vor, länger hier zu bleiben?

Der Priester »

Nein, eigentlich nicht, ich habe hier nichts mehr zu tun.

Alhazred »

Na gut, dann komm mal mit rüber.

Er führt ihn zur Holzbank und beide setzten sich.

Ich bin hier als Berater des Herrn. Früher war das Habakuk. Aber der ist inzwischen zu alt, und der Herr hat in ihn kein Vertrauen mehr. Er nimmt an, daß auf seinem Gut irgend etwas nicht stimmt, und mein Auftrag ist es, das herauszufinden und zu beseitigen. Ich habe als Fehlerquelle den Gärtner ausgemacht, der die Geranien verdursten hat lassen, und so will ich ihn nun durch eine Maschine ersetzten lassen. Im Grund wäre das auch kein Problem, doch Eva, die Tochter des Herrn ist in ihn verliebt, und sie versucht, diesen Tausch zu verhindern.

Der Priester »

Aber glaubst du wirklich, daß eine Maschine das so viel besser kann?

Alhazred »

Ich habe keine Ahnung, aber ich möcht es einmal ausprobieren.

Dia »

5

Der Priester »

Aber weißt du dann überhaupt, wie eine solche Maschine zu bauen ist?

Alhazred »

Nein, deshalb will ich auch einen befreundeten Mechaniker kommen lassen, der das für mich erledigen wird.

Der Priester »

OK, ich verstehe, was du willst, aber hast du denn keine moralischen Bedenken? Ich meine, wenn du gar nicht weißt, was das für Auswirkungen hat, wie kannst du es dann verantworten?

Alhazred »

Ich habe ja gar nichts zu verantworten. Sobald die Maschine gebaut ist bin ich wieder weg, und der Herr wird mich wieder hohlen, sobald die Maschine nicht mehr funktioniert. Und er wird sich nicht mehr daran erinnern, daß ich ihm ja diese gebaut habe. Und so kann ich das bis in alle Ewigkeit fortsetzten.

Der Priester »

Vorausgesetzt es kommt nichts dazwischen.

Alhazred »

Was soll denn dazwischenkommen?

Der Priester »

Ich weiß nicht, ich kenne mich auf dem Gut ja nicht so gut aus, aber so wie du das beschreibst dürften Eva und dieser alte Berater des Herrn doch deine Feinde sein, oder?

Alhazred »

Keine nennenswerten.

Der Priester »

Ja, vielleicht jetzt noch nicht nennenswert, doch die Dinge werden sich entwickeln, und du wirst sehen, daß auch du aus den Gefilden, die dir sicher schienen, verjagt werden wirst, mit Schimpf und Schande!

Alhazred »

Schnauze.

Der Priester »

Mach ich dir Angst? Oder weißt du ganz genau, daß ich recht habe?

Alhazred »

Einen Scheiß hast du, nichts hast du, von nichts hast du eine Ahnung. Was interessieren dich meine Pläne eigentlich so?

Der Priester »

Vielleicht will ich sie deinen Gegenspielern verraten? Dich erpressen? Oder dein Partner werden? Such's dir aus.

Alhazred »

?...?...?

Der Priester »

Nun sag schon, ich hab nicht ewig Zeit! Mir haben sie gerade mein ganzes Hab und Gut geraubt, ich könnte ´ne ordentliche Malzeit vertragen. Und ausschlafen will ich auch mal wieder. Aber wenn du mich nicht brauchen kannst, dann gehe ich halt zum Herrn oder 'nem Anderen hier, wenn ich ihnen erzähle, was ich jetzt weiß, dann nehmen die mich bestimmt auf.

Alhazred rückt näher an den Priester rann »

Ein überlegenswerter Vorschlag.

Plötzlich hat Alhazred einen Kartoffelsack in der Hand und stülpt ihn dem Priester über den Kopf bis zu den Ellenbogen, bindet ihn zu und beginnt, den Strampelnden von der Bühne zu ziehen.

Regie {sieht verwundert aus und versucht, durch sich vorbeugen die Szene besser zu sehen} »

Merken Sie was: Der Priester sagt keinen Ton mehr, obwohl so ein Kartoffelsack doch gar nicht dicht ist. Vielmehr riecht er nur etwas unangenehm.

Alhazred ist mit dem Priester verschwunden. Klara tritt auf.

Regie {hat sich wieder normal gesetzt und die Lampe eingeschalten, liest ab} »

Klara, die reiche Tante vom Lande, die in Kriegszeiten immer etwas zu Essen hat, selbst wenn sie ihre Kinder dagegen tauschen muß.

Klara »

Einst las ich in Zeitungen in fetten Lettern geschrieben, daß die Zeiten nicht mehr so gut seinen, wie sie lange Zeit gewesen waren, so machte ich mich auf, meinen Bruder zu besuchen, dessen Gut genug Ertrag abzuwerfen schien, als daß es auch mich ernähren könnte.

Hinter vorgehaltener Hand.

Natürlich habe ich meinen Grund verpachtet und könnte in aller Ruhe davon leben, aber wieso soll ich „Dem Herrn“ nicht noch etwas auf die Nerven gehen?

Regie {wirft den Zettel weg} »

OK, reicht schon wieder, Habakuk und Abdul haben diese Monologe irgendwie besser gemacht.

{Schaltet die Lampe aus.}

Klara »

Ignorant.

Der Herr tritt auf.

Der Herr überrascht »

Oh, hallo Klara, wie kommst du denn hier her, schön dich zu sehen.

Klara spitz »

Du hast immer zu esse, so verstehst du nicht, wenn andere Menschen zu dir kommen, um dich um deine Hilfe anzuflehen. Ich bin am verhungern, und du fragst mich, was ich hier mache! Du hast das Feingefühl eines Kameltreibers!

Der Herr »

Du bist am verhungern? Seit wann? Du warst doch immer die, die selbst in Kriegszeiten immer genug zu essen hatte. Hast dich teilweise bei den Bauern deiner Gegend prostituiert, um etwas zu essen zu bekommen, aber warum nimmst du an, daß du hier mehr zu erwarten hast, als du in deiner Heimat ergattern kannst?

Klara »

Du bist reich, du hast ein großes Gut, während ich besitzlos bin, und um mich zu prostituieren bin ich nun wirklich zu alt. Es ist mir leid, wegen jedem Stückchen Brot einen Teil meiner Selbst aufzugeben. Nimmst du mich also auf? Vergiß bei deiner Entscheidung aber nicht, daß ich es war, die dir den Grundstein für dies alles legte. Ich beanspruche keinen Teil davon, doch bitte ich um deine Gnade.

Der Herr »

Eine solche Entscheidung kann ich nicht einfach so fällen. Ich muß erst meinen Berater fragen, ob wir es uns ökonomisch leisten können.

Regie »

Habakuk vergnügt sich gerade im Solarium.

Der Herr »

Ich meine doch nicht Habakuk, wo ist Abdul?

Klara »

Ist Habakuk nicht länger dein Berater?

Regie »

Er war vorhin noch da, doch dann verschwand er in seine Gemächer

Der Herr »

Nein, Habakuk ist nicht mehr mein Berater. Danke. Ab.

Habakuk noch bevor er auf der Bühne sichtbar wird »

Hallo Klara!

Läuft auf sie zu.

Wie geht es dir?

Sie öffnet die Arme, sie umarmen sich.

Klara »

Oh, Habakuk, als der Herr sagte, du seist nicht mehr sein Berater dachte ich schon, ich würde dich nie wieder sehen.

Habakuk betrübt »

Ja, ich habe schon oft daran gedacht, zu gehen, aber ich lebte hier in der Hoffnung, daß du eines Tages auftauchen würdest.

Klara »

Und wie du siehst nicht zu Unrecht. Doch sag, wie geht es den anderen, versalzt Raphaelo die Suppen immer noch?

Nicken und Grinsen von Habakuk, Klara scherzend.

Und du liegst immer noch faul in deinem Solarium?

Habakuk lacht laut und ehrlich auf.

Und hat Eva ihrem Vater endlich gefragt, ob sie Florian heiraten darf?

Habakuk betrübt »

Die Antwort kam der Frage zuvor.

Klara »

Was soll das heißen?

Habakuk »

Der Gärtner steht nicht mehr zur Diskussion. Er soll durch eine Maschine ersetzt werden. Ich weiß aber nicht, ob der Herr das macht, weil er es für wirtschaftlicher hält, oder um den Gärtner wegzubekommen. Aber ich glaube, daß er es einfach nur macht, weil Alhazred es vorgeschlagen hat.

Klara »

Wer ist Alhazred?

Habakuk »

Abdul Alhazred ist der neue Berater des Herrn. Ich halte ihn für gefährlich, aber der Herr vertraut ihm.

Klara »

Und was soll dann aus dem Gärtner werden?

Habakuk »

Der Herr will ihn nicht entlassen, aber ich weiß nicht, was er mit ihm vor hat.

Klara lässig »

Na, ich glaube, ich werde mal ein Wörtchen mit ihm reden. Ach übrigens, ich hab' auf'm Weg 'nen seltsamen Typen getroffen, der hatte so ´ne komische Sprache drauf, der wollte auch hier her. Sagte, ein Freund hätte ihn herbestellt.

Habakuk »

Weißt du sonst noch etwas?

Klara »

Nein, er war nicht besonders gesprächig.

Habakuk »

Verstehe. Hey, jetzt geh´ma erst mal zu mir in mein Zimmer und feiern unser Wiedersehen. OK?

Klara »

Klar.

Beide ab.

Zwischenspiel im Studierzimmer

Mechaniker. Alhazred.

In einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer sitzt Alhazred vor einem Pult, beschreibt Zettel und schmeißt sie fluchend in den Papierkorb, einen in den Mülleimer, steht auf, nimmt das Papier wieder heraus und wirft es ebenfalls in den Papierkorb.

Alhazred genervt »

Wir müssen ja Müll trennen.

Der Mechaniker schlendert herein, summt fast »

Ich weiß, daß ich hing

Am windigen Baum

Neun Nächte lang,

Mit dem Ger verwundet,

Geweiht dem Odin,

Ich selbst mir selbst.

An jenem Baum,

Da jedem fremd,

Aus welcher Wurzel er wächst.

Alhazred schaut sich ärgerlich um »

Redest du dummes Zeug. Aber gut, daß du da bist. Soll ich dir erklären, worum es geht?

Der Mechaniker »

Ein Dienst ist wohl des anderen wert.

Alhazred »

Wenn du willst. Was soll ich denn für dich tun?

Der Mechaniker »

[...] etwas Feineres, Verletzlicheres, Wilderes, Wunderlicheres, Süsseres, Seelenvolleres, – aber [...] Etwas, das man einsperren muss, damit es nicht davonfliegt.

Alhazred »

Also eine Frau willst du?

Der Mechaniker »

So sprichst du!

Alhazred »

Das heißt wohl: Ja! OK, die einzig brauchbare Frau auf dem Gut ist Eva, ich denke, ich kann sie dazu bewegen, daß sie deiner geneigter wird. Bist du zufrieden?

Der Mechaniker »

Werden Sie Wort halten?

Alhazred »

Natürlich. Also, ich erkläre dir jetzt, was du bauen mußt: Ich wünsche eine Maschine, die den Garten bewässert, doch soll diese Maschine so wenig Energie wie möglich verbrauchen. Außerdem muß sie absolut zuverlässig arbeiten. Verstehst du, ich kann mir keine Panne leisten. Meinst du, du schaffst das?

Der Mechaniker »

Es stinkt!

Alhazred »

Was soll das heißen?

Der Mechaniker »

Du amüsierst mich!

Alhazred »

Machst du dich über mich lustig?

Der Mechaniker »

Ich laß jetzt mal das Zitate sprechen, und erkläre dir, wo das Problem liegt: Es geht hier um Pflanzen.

Alhazred »

Richtig.

Der Mechaniker »

Pflanzen sind Lebewesen.

Alhazred »

Richtig.

Der Mechaniker »

Lebewesen bedürfen der Gefühle anderer.

Alhazred »

Richtig.

Der Mechaniker »

Eine Maschine kann keine Gefühle geben. Richtig?

Alhazred »

Falsch, deshalb habe ich ja auch dich kommen lassen, da ich schon eine gewisse Vorstellung habe, wie man eine Maschine mit Gefühlen bauen könnte.

Der Mechaniker »

Laß hören.

Alhazred »

Die Maschine, die ich zu bauen beabsichtige soll als menschliches perpetum mobile die Kraft der Sonnen im Menschen auffangen und in den Mechanismus einführen. Der Mensch fungiert in ihr als die Solarzelle, die, trotz intensivster Bemühungen seitens der Wissenschaft, zu entwickeln nicht gelungen ist. Weil der Mensch sie schon verkörpert, konnten sie sie nicht erfinden, es sei denn, sie hätten einen Menschen erfunden.

Der Mechaniker »

Klingt unlogisch.

Alhazred »

Ich möchte damit sagen, daß du versuchen solltest, den Gärtner in die Maschine einzubauen, doch so, daß er nicht mehr versagen kann. Dadurch könnten die Pflanzen seine Gefühle bekommen, doch sie bekommen auch mit Sicherheit alle Nährsalze und genug Wasser. Und wenn der Gärtner in dieser Weise beschäftigt ist, dann ist die Eva auch frei für dich. Machen wir's so?

Der Mechaniker »

Topp!

Suche nach Messiassen III

Der Herr. Eva. Alhazred. Der Gärtner. Der Mechaniker.

Der Garten des Gutes. Bühnenbild wie bei I & II doch steht an Stelle der Bank eine Maschine, in der der Gärtner in kreuzförmiger Haltung eingebaut ist. Sie bewegt sich, der Gärtner bewegt Arme und Beine mit. Ausdrucksloses Gesicht. Vögel zwitschern.

{Die Regie ist nicht an ihrem Pult.}

Der Herr geht durch die Reihen blühender Blumen »

Ach, ist das schön, den Garten wieder so blühen zu sehen.

Der Gärtner »

Aahhh?!

Der Herr »

Es ist wie Frühling, wenn die Vöglein zwitschern und die Sonne lacht.

Der Gärtner »

Aahhh!!

Habakuk tritt an den rechten Bühnenrand und beobachtet eine Zeit lang den Herr.

Der Herr »

Ruhe.

Die Vögel singen leiser, hören ganz auf. Traurig.

Ich meinte doch nicht euch, kommt zurück, bleibt bei mir.

Zum Gärtner.

Da siehst du, was du angerichtet hast.

Der Gärtner »

Aahhh!!!!

Der Herr beleidigt »

Ach, sei doch still.

Setzt sich auf den Boden und riecht an einer Geranie.

Orchideen. Ich liebe sie.

Habakuk wendet sich Kopfschüttelnd wieder ab. Michaela eilt herein.

Michaela »

Herr, kommt schnell, eure Tochter!

Der Herr verträumt an der Blume weiterriechend »

Was ist den mit meinem kleinen Schätzchen los?

Michaela »

Sie hat sich in ihrem Zimmer eingesperrt und antwortet nicht. Ich glaube, sie war vorhin im Garten, und sie hat diesen Anblick sie wendet sich geekelt der Maschine zu nicht ausgehalten. Jetzt kommt doch.

Der Herr »

Komm du halt erst mal her.

Michaela geht zögern auf ihn zu. Der Herr springt auf, umgreift ihre Hüfte und beginnt, ihre Brust zu küssen. Michaela schlägt wild um sich.

Der Herr lachend »

Jetzt komm schon, laß dich gehen, diese Pflanzen machen mich immer so geil. Los, wehr dich doch nicht so.

Michaela schlägt ihm zwischen die Beine.

Aaaaaahhhrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrruuuuuuuuuuuuuuuuuuuuaaaaaaaaahhhhhhhhhhhhhhrrruuuuuuuuhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh.

Der Gärtner »

Aahhh!!

Michaela »

Arschloch, deine Tochter versucht vielleicht, sich umzubringen, und du hast nichts als ficken im Kopf. Ab.

Der Herr »

Komm zurück, du Hure.

Pause, der Herr wirkt depressiv, fängt aber plötzlich zu lachen an.

Ha, du wirst noch auf den Knien angekrochen kommen, aber dann werde ich etwas besseres zu tun haben. Undankbares Gör, ich hätte dich nie auf mein Gut nehmen sollen, und du wirst auch – ahhhh – ganz schnell wieder verschwunden sein.

Er steht langsam mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, hält sich beide Unterarme zwischen die Beine. Ab.

Etwa eine halbe Minuten lang sieht man nur den Gärtner, der in der Maschine vor sich hin stöhnt. Dann tritt Habakuk auf.

Habakuk »

Ja, schaut ihn nur an, er leidet. Doch ich kann nichts tun, um seine Leiden zu vermindern. Ich frage mich, was er wohl in seinem Leben falsch gemacht hat, und ich komme einfach nicht drauf. Es könnte die Liebe zu Eva gewesen sein, einer Adligen, die seinem Stand in keinster Weise entsprach. Oder hätte er demonstrieren sollen, sich auflehnen sollen, als der Herr den Chauffeur entließ. Oder hätte er einfach nicht die Pflanzen lieben sollen. Er wurde wohl durch diese Liebe zerrissen, verletzlich, unpräzise, nachlässig.

Der Gärtner »

Aahhh!!

Habakuk »

Zum ersten Mal seit Jahren spüre ich wieder, was Liebe ist. Klara ist wieder da. Wie liebten wir uns in unserer Jugend, als wir zusammen in die Grundschule gingen? Wir trafen uns heimlich auf der Toilette und machten uns're Docktorspielchen, Sie stieg Nachts aus ihrem Internat aus, während ich unten wartete, und als sie schließlich die Regenrinne zum zweitenmal benützte ging oft schon die Sonne auf. Letztendlich wurden wir erwachsen, ich ging zum Herrn und sie heiratete, doch wir sahen uns noch häufig. So lieben wir uns noch heute, wir haben nie damit aufgehört, und doch ist es jetzt anders, denn mein Leben hier geht nicht mehr den gewohnten Gang, so werde ich wohl weggehen, um woanders die letzten Jahre meines langen Lebens zu genießen. Ich habe mir etwas gespart, und Dank der Pflegeversicherung werde ich schon durchkommen. Klara wird mich wahrscheinlich nicht begleiten können, da sie kein Geld hat und auf den Herrn angewiesen ist. Und ich kann sie nicht durchfüttern.

Der Gärtner »

Aahhh!!

Habakuk »

Diese materialistische Gesellschaft macht uns das Leben, wie wir es gewohnt sind, im Alter unmöglich, denn wir müssen uns in unerwünschte Abhängigkeiten begeben, die unsere Identität auf kurz oder lang zerstören. So arbeiten wir ein Leben lang und am Ende sind wir doch genauso weit wie vorher, nur daß wir als Kinder von Älteren und als Alte von Jüngeren abhängig sind, die uns jedoch beide meist nicht wohl gesonnen sind. Ein zweiter Frühling ist für uns unmöglich.

Der Gärtner »

Aahhh!!!!!!!

Habakuk zum Gärtner »

Ich halte meine Hilflosigkeit nicht mehr aus, ich schaffe es nicht mehr.

Wendet sich ab.

Ich muß gehen. Ab.

Licht aus. Nur die klagenden Laute des Gärtners sind zu hören. Licht wieder an.

{Die Regie kommt von hinten und bleibt im Zuschauerraum stehen. Sie hat ein Longdrink in der Hand und wirkt schon leicht angeheitert.}

Ein großer Teil der Pflanzen ist verdorrt. Alhazred schleppt den Priester in seinem Sack auf die Bühne.

Alhazred während er den Sack öffnet »

Jetzt kannst du gleich sehen, wie erfolgreich ich war, du kannst dich selbst davon überzeugen, daß du bei keinem hier mehr auf Gnade stoßen wirst, wenn du ihm dein Wissen erzählst. Mein Plan hat funktioniert, und ich werde jetzt verschwinden. Doch vorher möchte ich meinen Triumph noch etwas genießen. Der Priester schlüpft aus seinem Sack. Na, habe ich nun Recht behalten oder nicht?

Der Priester »

Nein, du hattest nicht Recht.

Alhazred »

Was soll das heißen?

Der Priester »

Schau dich doch einmal um: Vorher waren weit weniger Pflanzen verdorrt. Worauf führst du das zurück?

Alhazred sieht sich verblüfft um, nimmt einen Blumentopf mit einer schwarzen Pflanze in die Hand, riecht daran, betrachtet sie, und schmeißt ihn plötzlich auf den Boden.

Alhazred schreit »

Worauf führst du das zurück? Sabotage! Irgend jemand versuch mich zu boykottieren.

Der Priester »

Falsch: Dein eigenes Werk vernichtet die Pflanzen.

Der Herr tritt auf, Alhazred bemerkt ihn nicht.

Alhazred »

Meine Maschine soll die Pflanzen schädigen? Unmöglich, sie ist perfekt.

Der Herr »

Was geschieht mit meinen Pflanzen?

Der Priester »

Sie gehen ein.

Der Herr »

Wieso denn das jetzt?

Alhazred vom Herrn überrascht »

Ein falscher Eindruck beschleicht euch. Es sieht nur so aus, in Wirklichkeit erholen sich die Pflanzen gerade.

Der Herr »

Und warum liegt hier eine zerstörte Blume auf dem Boden?

Regie {schreit aus dem Publikum} »

Alhazred schmiß sie hinab, als er merkte, daß sie vertrocknet war.

{Geht zu seinem Pult.}

Der Priester »

Genau.

Der Herr »

Was hast du dazu zu sagen?

Alhazred betrübt »

Nichts!

Regie {sitzt am Pult} »

Raphaelo!

Der Priester »

Jetzt geht es ihm an den Kragen.

Raphaelo läuft herein »

Ja Herr?

Regie »

Sperr ihn ein.

Raphaelo »

Zu Befehl.

Ab mit Alhazred.

Der Herr zum Priester »

Und wer seit ihr?

Der Priester »

Ein Priester.

Der Herr »

Was wollt ihr hier?

Der Priester »

Ich bin eigentlich nur auf der Durchreise, doch ich währe euch verbunden, wenn ihr mich für eine Nacht aufnehmen würdet, denn lang ist es her, daß ich eine geruhsame Nacht hatte.

Der Herr »

Gehe in die Küche, dort wird man dir etwas zu essen geben, später zeige ich dir dein Zimmer.

Der Priester verneigt sich »

Euer Diener. Ab.

Regie {etwas gelangweilt und müde} »

Und was soll mit der Maschine geschehen?

Der Herr »

Ich werde sie noch eine Weile laufen lassen, und wenn weitere Pflanzen eingehen, dann werde ich sie abschalten. Ich möchte die Hoffnung noch nicht aufgeben, daß sie vielleicht doch etwas nützt.

Dia »

6

Suche nach Menschen

Abschied

Habakuk. Eva. Alhazred. Der Mechaniker.

{Die Regie hängt an der Bar.}

Vor den Toren des Gutshauses. Habakuk tritt heraus, mit einem alten Rucksack auf dem Rücken. Er wendet sich zum Publikum.

Habakuk »

Das Weiß wurde zum Grün, Leben kam zurück, doch nichts begrünte das Herz dessen, der hier hängt, um sein Leben gezwungen für das Neue zu geben, das ein verworrener Geist sich einfallen lies, um seiner Profilierungssucht gerecht zu werden. Weiß ist eine schöne Farbe, so schweigend, unbefleckt.

Als ich noch während des Winters einen Spaziergang machte über die auch Frühjahrs brachliegenden Felder des äußersten Randes des Gutes traf ich eine vergessene Familie, die ein kleines Stück des fremden Eigentums agrikulierte, um das wenige, das zum überleben unbedingt notwendig ist, sich selbst durch sich selbst zu ergattern. 12 Arme zählte sie, und 12 Arme streckten sich aus, doch nicht um mich dazu zu bewegen, ihnen einen Teil meines Besitzes zu überlassen, der ihnen freilich dazu verhelfen könnte, ihrem eigenen Leben etwas mehr Luxus zu geben. Sie streckten sich zum Himmel, der ihnen doch so wenig gab, was sie auch hätten brauchen können, und gerade als ich sie sah, sie mich aber noch nicht bemerkt hatten, hörte ich sie einen namenlosen Gott ehren, von dem sie offenbar dachten, er hätte ihnen gegeben, was sie besaßen, den Herrn, auf dessen Land sie ja lebten, ehrten sie nicht. Ich blieb stehen, denn die Szene regte den intellektuellen Teil meines Verstandes an, und ich wollte ergründen, auf welche Weise die Denkprozesse dieser Menschen ablaufen, doch in diesem Moment löste sich das starre Bild auf und die Litanei brach ab, der Großvater erhob sich ächzend, man konnte seine Knochen knacken hören, und tief gebeugt ging er in die bescheidene Lehmhütte, die wie ein altes Hemd an vielen Stellen geflickt war.

Langsam kommt Eva herein, sie hat noch eine lange Narbe an den Pulsadern und stellt sich leise hinter Habakuk.

Die beiden halbwüchsigen Kinder, ein Knabe, der gerade die ersten Haare auf seiner noch zart wirkenden Oberlippe bekam, und ein Mädchen, deren Brust beim laufen schon leicht wippte, zogen sich aus und wälzten sich nackt im Schnee, doch war es weder reines Vergnügen noch eine zu erduldende Pflicht: Vielmehr wuschen sie sich in dem Schnee, offensichtlich nicht in der Lage, Wasser herbei zu schaffen, und sie genossen, was sie tun mußten. Ihre Eltern standen unter dem kleinen Vordach der Hütte, beide eine Tasse dampfenden Tees in den Händen, und unterhielten sich lachend. Ich zeigte mich ihnen, und sie begrüßten mich freudig erregt. Als sie mich zum Essen einluden und ich ablehnte, da ich erst vor kurzem ein reichhaltiges Mal zu mir genommen hatte, schämte ich mich, daß ich ohne große Anstrengung in diesem Wohlstand des Gutes lebte. Und während ich mich mit ihnen unterhielt, beschloß ich, mit Klara zu diesen Menschen zu ziehen, die eine fähige Hilfe immer brauchen können, die für ihr Essen selbst arbeitet. Doch Klara ruht sich lieber in dem Wohlstand aus, und so gehe ich nun alleine. Sie weiß, wo sie mich findet, und sie versprach, mich zu besuchen, und so könnte ich glücklich und zufrieden gehen, wäre nicht der Gärtner, doch ich bin hilflos.

Er will gehen.

Eva »

Habakuk, bleib, ich brauche dich, ich kann doch nicht ohne dich kämpfen!

Habakuk »

Gib das kämpfen auf, du bist chancenlos. Ab.

Eva verzweifelt »

Ja, chancenlos, doch das schlimmste ist, daß ich jetzt auch hoffnungslos bin.

Dia »

7

Pause. Herein Alhazred, wieder fröhlich pfeifend.

Alhazred »

Hallo Eva!

Eva betrübt »

Hallo.

Alhazred »

Geht es dir gut? Ich habe gehört, daß du versucht hast, dir das Leben zu nehmen.

Eva aufmerksam und etwas anklagend »

Und ich habe gehört, daß dich mein Vater einsperren lies. Wieso bist du wieder frei?

Alhazred »

Die Pflanzen erholten sich, so vergab er mir.

Pause, Eva wirkt erfreut, der Mechaniker tritt herein.

Darf ich dir meinen Mechaniker vorstellen?

Eva freudig, offen »

Hallo.

Mechaniker »

Heil dir.

Alhazred leise zu Eva »

Er hat ein Auge auf dich geworfen, so weise ihn nicht zurück.

Eva lüstern »

Das werde ich nicht.

Dia »

8

Sie geht zum Bühnenrand und winkt dem Mechaniker neckisch, er solle ihr doch folgen.

Mechaniker zu Alhazred »

Deine Hand!

Alhazred »

Wir sind quitt!

Mechaniker geht zu Eva »

Gehen wir. Beide ab.

Alhazred »

Mach's gut. Lacht.

Als sie weg sind.

Ein richtiges „Happy End“. Eva hat den Gärtner vergessen, wendet sich dem Mechaniker zu. Der Herr hat die abgestorbenen Pflanzen vergessen und mich begnadigt. Habakuk hat seine Degradierung vergessen und geht zufrieden in den Ruhestand. Und der Priester hat meine Unwissenheit vergessen und hat sich wieder auf den Weg gemacht.

Regie {schreit von der Bar aus} »

Und du hast den Gärtner vergessen.

Alhazred »

Ach, laß doch den Gärtner. Der ist tot, jedenfalls ist sein Geist gebrochen. War ja auch nicht besonders schwer.

Regie {prostet ihm zu} »

Ich hoffe es für dich.

Alhazred geht, Licht aus.

Der Sturz

Der Herr. Alhazred. Der Mechaniker. Eva.

Licht an. Alhazred liegt auf einer aus der Maschine herausgeklappten Couch und schläft. Herein der Herr.

Der Herr »

Eva ist glücklich und ich bin es auch. Der Mechaniker ist ein guter Mensch, auch wenn er etwas komisch spricht. Doch er ist gebildet. Ich frage mich nur, wieso sie den Gärtner nun so schnell vergessen hat.

Alhazred dreht sich zum Herrn, reibt sich die Augen »

Ich habe etwas Einfluß auf sie genommen. Ich dachte, es wäre zu ihrem Besten.

Der Herr »

Da hast du gut getan.

Geht zu einer Blume und riecht daran.

Ah! Pause. Und wie geht es Habakuk? Ich habe lange nichts mehr von ihm gehört.

Alhazred »

Er ist in den Ruhestand gegangen. Hat sich irgendwohin zurückgezogen.

Der Herr »

Ich hoffe, es geht ihm gut.

Alhazred »

Ich glaube schon.

Herein Eva und der Mechaniker, sie in weißem Kleid, er mit schwarzem Anzug.

Der Herr »

Ach, ihr zwei seht toll aus. Habt ihr euch jetzt entschlossen, ob ihr heiraten wollt?

Eva »

Ja! In zwei Wochen ist es so weit.

Der Herr »

Und bist du eigentlich auch schwanger?

Eva »

Michaela hat mich untersucht und sie sagt: Ja!

Dia »

9

Der Herr hochbeglückt »

Oh mein Gott, ich werde Großvater.

"Fällt ihr um den Hals, küßt sie. "Ich ... ich ... ich fühle mich so ... gut! "Küßt auch den Mechaniker. "Ich werde alles veranlassen, daß es die schönste Hochzeit wird, die wir hier je hatten.

Eva und der Mechaniker umarmen und küssen sich. Der Herr ab.

Eva zum Mechaniker »

Gehen wir?

Der Mechaniker »

Ja.

Beide ab.

Alhazred nachdem sie gegangen sind »

Oh wie gut doch alles läuft.

Meine Begabung entfaltet sich hier auf höchster Ebene, denn der durch gute Fügung oder glänzenden Zufall entstandene Spielplan ist wie durch mein eigenes Gehirn entworfen, so daß sich jeder Spielstein einen exakten Platz in ihm aneignen konnte. Ich bin nichts weiter als der Würfel, der durch sich selbst geworfen, eine Erlösung bedeuten kann, soweit durch die Spielfiguren in den bis dato hohen Maße angenommen wird, er falle wie es Laplace vorhersagte. Die Zahl der Augen wird aber durch telepatisch anmutende Kräfte bestimmt, die gleichsam energiereicher - aber physikalisch nachweisbarer - Strahlung aus all meinen Körperöffnungen dringt und ergeben trotz der dem Zufall ähnlichen Verhaltensweiße doch mit Bestimmtheit die von mir vorgegebenen Ergebnisse. Und alles läuft blendend.

Ab. Licht aus.

Hochzeitsmahlzeiten

Raphaelo. Eva. Der Herr. Abdul Alhazred. Klara. Gospel Chor. Der Priester. Habakuk.

Licht wieder an. Im Zuschauerraum vor der Bühne steht ein Harmonium. Ein „typischer“ Kirchenmusiker spielt Hochzeitsmelodien. Im Garten wurden Bänke aufgebaut. Links ein etwas erhöhter Altar dahinter ein Klavier.

Raphaelo herein mit Torte.

Während der ganzen Szene verhält sich Eva (anfangs nicht auf der Bühne) lethargisch und reagieren nicht auf die Handlung der anderen Personen. Sie wird zur Marionette.

Raphaelo »

Jetzt hat sie also endlich den gefunden, bei dem sie ihr Leben, verbringen will. Schon komisch: Sie verliebt sich und versucht mit allen Mitteln, auch mit ihrem eigenen Leben für diesen Geliebten zu kämpfen und sobald ein neuer kommt vergißt sie ihn und lebt wieder glücklich und zufrieden. Und der Herr freut sich darüber.

Stellt sein Tablett ab, setzt sich und streckt die Beine aus.

Ich spiele hier nur die Statistenrolle, hätte aber auch Lust, mit ihr mal eine Nacht zu verbringen.

Eva kommt herein. Raphaelo laut.

Schauen sie sich sie an: Ein äußerst gebärfreudiger Körper. Einfache Menschen mögen so etwas. Für uns ist das Kind das geblieben, was es einst für alle war. Damals, vor dem Beginn der Arbeitsteilung: Sicherheit!

Eva, in weißem Brautkleid, dreht sich langsam um sich selbst und fühlt mit den Händen den sanften Stoff ihres Kleides. Ein leichtes Lächeln fährt über ihr Gesicht. Sie streichelt ihre Brüste.

Wir liebten unsere Kinder immer, doch vor der Arbeitsteilung viel uns das nicht schwer, da wir in ihnen unsere eigene Zukunft nach der Arbeitsunfähigkeit sahen und liebten. Heute sehen wir einfachen das unterbewußt immer noch, doch die Reichen oder der Mittelstand sehen in ihren Kindern nur noch kleine Freßsäcke, die, nachdem man ihnen alles gegeben hat, verschwinden, ein Duzend Mädchen schwängern, Drogen nehmen und ihren Körper und Geist, die ihnen von den Eltern geschenkt wurden, zu vernichten trachten. So verschwindet die Liebe bevor das Kind geboren wurde.

Er greift mit dem Zeigefinger in die Torte und nimmt sich einen dicken Batzen Schlagsahne, den er genüßlich abschleckt.

Man sagte mir, daß Eva jetzt schwanger sein. Was meinen sie, wird sie ihr Kind lieben, wird sie es hassen, es abtreiben oder behalten, zur Adoption freigeben? Unter ihren Sitzen finden sie Karten. Kreuzen sie jeweils eine Möglichkeit an, in der nächsten Unterbrechung wird sie dann jemand einsammeln. Der Gewinner bekommt eine Freikarte für die nächste Vorstellung.

Kleiner Tusch.

{Etwa hier beginnt die Regie von der Theke aus an ihren Platz zu gehen, sie braucht ziemlich lang, da sie nun wirklich nicht mehr nüchtern ist.}

Raphaelo steht auf. Eva steht inzwischen ganz ruhig da mit einem Heiligenblick gen Himmel. Er geht auf sie zu und umarmt sie von hinten über den Bauch. Sie reagiert nicht.

Raphaelo pathetisch »

Oh, Eva, einst solltest du nach dem Willen der Götter meine sein, doch das Böse kam auf die Erde und trieb uns auseinander. Unzählige Stunden verbrachte ich damit, deine Adresse herauszubekommen, doch es war unmöglich. So machte ich mich auf den Weg, eine Telephonzelle zu finden, da ich ja deine Nummer hatte. Und während ich noch die Telephonzelle suchte fand ich dich hier immer noch in den Armen des Bösen. So laß mich dich nun mit der Lust zum Leben befreien.

Er läßt eine Hand zu ihren Brüsten, die andere in ihren Schritt wandern. Sie reagiert nicht. Er verharrt kurz in dieser Position, dann gibt er genervt auf.

Sie schwebt schon über den Wolken, ist unerreichbar für mich geworden. Die einzige Hoffnung wäre, daß der Mechaniker verschwindet, das wird aber nicht geschehen. So gehe ich von dannen mit ihrem Herz in meinem Bild eingeschlossen.

Nimmt eine Blume aus ihrem Haar, steckt sie in sein Knopfloch. Setzt sich ans Klavier.

Eva fängt wieder an, sich zu bewegen. Langsam tanzt sie vor den Altar, als sie ankommt tritt der Mechaniker geschäftig hinter ihr hervor und faßt sie an der Hand. Im selben Augenblick taucht der Herr und Abdul Alhazred auf und stellen sich hintereinander hinter Eva. Alhazred legt seine Hand auf ihre Schulter.

Dia »

10

Klara, ganz in schwarz mit einem Schleier vor dem Gesicht, stellt sich hinter den Mechaniker und legt ihm ebenfalls die Hand auf die Schulter. Der Gospel Chor kommt in langen Schwarzen Gewändern herein. Die Sänger und Sängerinnen sind an den Beinen zusammengekettet. Sie singen „Hochzeitsmelodien“, den Takt gibt eine Peitsche an, die über ihren Köpfen von außerhalb der Bühne geschwungen wird. Sie sehen alle sehr geknickt aus, setzen sich auf die Bänke. Die Peitsche hört auf zu schlagen, der Chor hört auf zu singen.

Alles ruhig. Aus dem Chor hört man ein leichtes Schluchzen, das aber gleich verstummt. Eva faßt den Mechaniker an der Hand und lächelt ihn an. Licht wird gelber. Habakuk tritt herein, Alhazred wird leicht unsicher. Hinter ihm der Priester, geht zum Altar. Orgelmusik beginnt wieder (leicht disharmonisch). Der Herr setzt sich und tupft sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, sieht sehr nervös aus. Klima wie vor Gewitter.

{Spätestens hier sollte die Regie sitzen.}

Der Priester »

Da sind sie nun alle versammelt.

Zu Raphaelo.

Tu doch deinem Herrn einen Gefallen und hohl noch die Michaela.

Raphaelo ab.

Ein schönes Paar.

Geht um den Altar herum. Stellt sich vor Eva.

Wonneprächtig, dieses Vollblutweib.

Geht um sie herum und betrachtet sie mit den Augen eines Fleischbeschauers. Greift ihr an den Hintern.

Stramm und fest.

Zum Mechaniker, ironisch.

Da hast du wirklich eine tolle Frau. Und, ist sie gut im Bett? Du kannst dich ja darüber mal mit dem Herrn unterhalten, der schaut schon ganz interessiert.

Dieser tupft sich erneut die Stirn ab, blickt etwas lüstern. Herein Raphaelo gefolgt von Michaela.

Ah, da ist sie ja. Michaela setzt dich doch auf den Schoß des Herrn. Gut, daß du so einen kurzen Rock an hast, er hat nämlich schon eine Latte.

Sie tut wie ihr geheißen. Raphaelo setzt sich wieder ans Klavier.

Der Gärtner »

Aahhhh?

Alle außer Eva und dem Priester blicken zu ihm hoch.

AAAAAHHHHHHRRRRR!

Dia »

11

zweimal wie Wetterleuchte.

Der Priester geht, nachdem er Eva noch einmal auf den Hintern gehauen hat, zum Altar zurück.

Der Priester »

In Anbetracht der Umstände sollten wie so schnell wie möglich vorgehen.

Also: Fabrizius, willst du Eva, dieses Pin-Up Girl [mit d?? , mit d?? ] zu deiner angetrauten Ehefrau machen, die willenlos deinen Schikanen unterworfen sein wird? Dann antworte mit Ja!

Regie »

Ja.

Der Priester »

Und du Eva, willst du Fabrizius, den Mechaniker, zu deinem angetrauten Ehemann, willst du ihm dienen, seine Sklavin sein, egal was er für einen Scheiß bauen wird? Ihm ewigen Gehorsam schwören und dafür ein paar finanzielle Vorteile herausholen? Dann antworte mit ja.

Der Herr steht auf und stellt sich wieder hinter Eva.

Der Gärtner »

AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhrrrrrrrr

Alhazred, Klara, Raphaelo, Michaela gemeinsam »

Ja!

Dia »

12

Regie {lachend über Mikro- bzw. Megaphon} »

Rien ne va plus.

Der Mechaniker »

Ich denke schon, daß es sinnvoll sein kann, eine Frau wie die Eva zu heiraten.

Alhazred zu Herrn »

Hörst du, er spricht nicht mehr in Zitaten.

Der Herr »

Richtig.

Alhazred »

Das hat er bis jetzt nur mir gegenüber gemacht.

Der Herr sieht ihn verblüfft an.

Der Priester »

Ich erkläre euch, die ihr mit ja geantwortet habt, zu Eheleuten für den Rest eures Lebens.

Betont den Bezug auf die wirklichen Ja-sager nicht, die anderen verstehen ihn auch nicht. Musik setzt wieder ein (Hochzeitsmahlzeiten II). Die Personen lösen sich aus ihrer gespannten Haltung bis auf Eva und Habakuk, die sich nicht bewegen. Die Anderen setzten sich an eine lange Tafel, die von zwei Bediensteten hereingetragen wurde. Eine Unterhaltung beginnt, Eva steht noch immer in der gleichen Haltung da, hat sich aber dem Gärtner zugewandt.

Der Herr »

Eva, komm, setzt dich her.

Er neckt Michaela. Klara ist in ein Gespräch mit Alhazred vertieft, man hört nicht was sie sagen. Eva fällt auf die Knie, stößt einen Schrei aus. Habakuk geht zu ihr, kniet neben ihr nieder als wolle er ihr helfen, den Schmerz, dessen sie sich gerade bewußt wird, zu ertragen. Plötzlich hat er ein langes Messer in der Hand und stößt es in ihren Rücken

Dia »

13

zieht es aber gleich wieder heraus. Sie fällt lautlos nach vorne, Habakuk dreht sie leicht, schneidet ihr mit dem Messer das linke Auge heraus und hält es, immer noch blutend, in die Höhe.

Habakuk mit hysterischer Stimme »

Ich sah neulich dein Auge, es suchte mich in meinen Träumen heim. Die geäderte Iris war grün-gelb, wie der Auswurf eines Rauchers, und in deiner Pupille spiegelte sich die Totenmaske Tut-ench-amuns. Das goldene Gesicht sprach zu mir, sagte, ich solle dem ein Ende machen, was ich angefangen hatte. Lachend sagte es, daß es mir nicht gelingen kann.

Dia »

14

Habakuk »

Du führtest es fort, das Grabmal deines Geliebten entehrend und das Bildnis deines ungeborenen Kindes mit dem gelb-grünen Auswurf eines Rauchers bewerfend. Doch jetzt macht dein in den Adern geronnenes Blut deinen Mund stumm.

Habakuk wirkt zufrieden. Während dieses Monologes wird er nicht von den übrigen beachtet, nur der Gärtner schreit einmal als Habakuk das „ungeborene Kind“ erwähnt.

Habakuk ißt Evas Auge. Der Gärtner schreit erneut.

Habakuk kommt zur Ruhe, steht auf, spricht zu sich selbst »

Ich wollte nur das beste für das Gut des Herrn. Ich habe wirklich selbstlos gehandelt. Meine eigene Person war mir immer unwichtig, ich habe für den Herrn gelebt.

Der Priester blickt ihn nicht an, ißt weiter »

Lüge!

Der Herr zu Klara im Plauderton »

Ja, er war mein Berater, und ich hatte ihn, damit er mir gute Ratschläge gibt. Das hat er auch lange Zeit gemacht, doch irgendwann entschloß ich mich aus freien Stücken, Abdul zu meinem Berater zu machen. Es erschien mir so, als hätte er die besseren Tips, es war nur zum Wohle des Gutes.

Klara nickt verständnisvoll.

Der Priester lachend »

Lüge!

Er wird von der Gesellschaft nicht beachtet.

Der Mechaniker geht zu der Leiche Evas, spuckt auf sie »

Meine Aufgabe war es nur, die Befehle des Beraters auszuführen, ich habe mir keine eigene Meinung erlaubt. Ich war ebenfalls nur eine Marionette.

Der Priester »

Lüüüüügäääää!!!!!!

Lacht schadenfreudig. Steht auf und geht zu Habakuk, schlägt ihm mit der flachen Hand freundschaftlich auf die Schulter. Besänftigend.

Alles, was der Mensch von sich gibt ist eine Lüge, und er weiß es meinst selbst auch, denn er fühlt es immer wieder in seiner Brust: „So würde ich nicht reden, würde ich ein Selbstgespräch führen“. Doch dann unterdrückt er es, denn kann man sich selbst einem Menschen offenbaren? Nein, man kann nur Bruchstücke aus seinem Innersten preisgeben, dann setzt eine Hemmschwelle ein, die durch keine Macht der Welt durchbrochen werden kann.

Vor sich hin lachend geht er von der Bühne. Kurze Pause, alles verharrt in der Tätigkeit.

Der Herr zu Alhazred »

Ich kann diese Maschine einfach nicht mehr sehen. Morgen wirst du sie wieder abbauen.

Licht aus.

Dia »

15 länger.

Erlösuchen

Alhazred. Der Mechaniker. Der Gärtner. Eva.

Der Garten bei Nacht. Alhazred tritt herein. Der Gärtner immer noch in der Maschine.

Regie {wirkt wieder etwas nüchtern} »

Warum willst du ihn schon in der Nacht herausholen? Hast du es so eilig?

Alhazred nachdenklich »

In gewisser Weise schon. Wer weiß, wie oder was der Gärtner inzwischen ist. Ich möchte nicht, das der Herr dabei ist, falls es Schwierigkeiten gibt. Er kann gar kein Mensch mehr sein. Ich habe mir das vom Mechaniker erklären lassen: Die Pflanzen gingen anfangs zugrunde, weil die Maschine die Gefühle des Gärtners übertrug. Die Gefühle waren Todessehensüchte, verständlicherweise. Die Pflanzen fühlten wohl das gleiche, nur mit dem Unterschied, daß sie die Ionenpumpen ihrer Schließzellen aussetzten ließen und sich so erstickten, oder so ähnlich. Der Gärtner hatte diese Möglichkeit nicht. Er war zur Existenz gezwungen. So tat er das einzig richtige: Er starb innerlich, das heißt er vegetierte nur noch und erfüllte seinen Zweck, doch die Gefühle, um die es eigentlich ging, waren nicht mehr vorhanden. Also ist es eigentlich gleich, ob ich die Maschine mit dem Gärtner oder ohne ihn baue. Jetzt aber will der Herr sie ganz weg haben. Und ich weiß nicht, was inzwischen aus dem Gärtner geworden ist. Es ist ja nicht normal, daß man völlig ohne Gefühle lebt.

Regie »

Aber wieso hat er dann während der Hochzeit wieder geschrien? Das hieße doch, daß er doch noch etwas Gefühl hat.

Alhazred »

Ja, das ist auch meine Hoffnung und zugleich der zweite Grund, warum ich ihn so schnell wie möglich da rausholen will: Möglicherweise hat der Anblick, daß Eva den Mechaniker heiratet, wieder Gefühle in ihm geweckt, und möglicherweise hat er sie jetzt noch. So wäre er nicht ganz ohne sie.

Der Mechaniker kommt herein.

Der Mechaniker »

Die Leute, die wir belügen, müssen uns glauben, so können wir ihnen ein Messer in den Rücken stoßen, sobald sie sich von uns abwenden.

Alhazred »

Ja, ja, bringen wir's hinter uns.

Sie klettern an der Maschine hoch und beginnen, sie nach vorne umzulegen. Hinter ihr kommt Eva, nur mit einem transparenten Negligé bekleidet (unversehrt) zum Vorschein. Alhazred und der Mechaniker beginnen, Schrauben zu lösen. Eva liegt am Boden (leicht erhöht) und stützt sich auf ihrem linken Ellenbogen auf, um ins Publikum zu blicken.

Eva »

Soll ich ihnen dankbar sein oder sie hassen? Und wie steht es mit Habakuk? „Glücklich werde ich sein, aus dem Himmelreich zu sehen, wie die Welt genesen wird“, so sprach ich einst. Und tatsächlich, als ich starb bat mein Vater Alhazred, die Maschine wieder abzubauen. Doch setzte ich damals eine Sintflut voraus, die alle Menschen töten sollte. Sollte etwa nur ich getötet werden? Ich, die nur Gutes tun wollte? Es scheint fast so. Also wurde diese ganze Geschichte nur inszeniert, um mich umzubringen? Zu simpel. Habakuk spielte eine größere Rolle als nur mein Henker zu sein. Er war auch mein Lehrer. Und war der Gärtner und der Mechaniker und Abdul Alhazred, waren sie alle nur der Köder, mit dem man mich in Habakuks Netz jagen und locken wollte? Sie sind größere Personen, beständiger als meine Episode, die ich auf dieser Welt spielen durfte. Sie werden noch existieren, wenn sämtliche sozialen Bindemittel, die sich an mich erinnern können, längst verschieden von den Lebenden sind.

Steht auf.

Mein Auge war es, wonach es ihm dürstete. Wieso mein Auge? An meinen Augen war doch nie etwas besonderes.

Pause. Sie geht um die Arbeitenden herum.

Der Mechaniker. Mir fiel auf, daß er nur in Zitaten sprach. Durch Habakuk genoß ich eine so gute Bildung, daß ich sie erkannte. Doch er hat wohl nicht diese Bildung, deshalb ist er meist stumm geblieben.

Der Mechaniker hat die Maschine hochgehoben und schaut nun auf den wie gekreuzigt daliegenden Gärtner

Der Mechaniker »

Am Boden liegt, vom Boden selbst zertreten, ein Menschenphoto.

Alhazred fühlt den Puls des Gärtners und läßt seine Hand schließlich hoffnungslos von seinem Halse sinken.

Alhazred »

Eine Erfahrung reicher.

Der Mechaniker »

[Er liegt da] wie eine ausgeweidete Kruzifikation verwest.

Eva »

Es hat ihn also auch erwischt. Dann werden wir vielleicht doch noch eine himmlische oder höllische Hochzeit feiern.

Alhazred zum Mechaniker »

Du hast recht.

Dia »

16

Epilog

Sprache ohne Szene

Habakuk.

Habakuk »

Durchsichtig wandere ich über Berge aus Phantasien anderer Menschen, deren Identität ich nicht kenne. Ich sehe nur die Falten auf ihrer Stirn, die mir sagen, daß sie längst verlassen und vergessen sind. Ihre Augen haben den Ausdruck des Wahnsinns tief in sich aufgenommen. Doch ihre Hände zeugen von schwerer unvollbrachter Arbeit. Muskeln aus Stahl wölben die Haut über sich, so daß ihrer Kraft auf dem nackten Körper weithin sichtbar ist. Ohne gesehen zu werden gehe ich in ein Tal, daß durch den Fluß der Tränen in die Berge gefressen wurde. Fische schwimmen darin, mit seltsamen Farben, blau-gelb, schwarz-rot, und ein Haufen Algen, der von niemandem mehr gebraucht wird. Tränen sind salzig, Flüsse sind süß. Ewiges Paradoxum. Spätestens beim Delta – der Scham oder des Flusses – (spätestens beim Delta) endet die Logik, die entworfen wurde, um den Berg vom Tal zu unterscheiden. In den Weiten des Oceans verliere ich meine Spur, die mich zu mir selbst bringen sollte. Während ich wie ein ins Wasser geworfenes Hundebaby um mein Leben stramp'le sehe ich das Boot, daß, sichtlich vom aufkommenden Sturm verunsichert, versucht, wieder zurück in die Berge zu kommen. Ich schreie, doch sie hören mich nicht. Ein Mann in wallenden weißen Gewändern steht am Bug und zeigt mit einem Finger gen Himmel als würde er predigen, doch er schaut aufs Wasser. Und während ich untergehe, erkenne ich den Messias.

Letztes Bild

Regie. Märchenerzähler.

Regie kommt {nüchtern} auf die Bühne, hält in Hamlet-manier ein Gehirn in der Hand und sagt abwertend »

Hüttenkäse!

Läßt das Gehirn fallen und geht von der Bühne.

„Turaluraluralu“ von Trio beginnt, während dem Anfang vom Band die Stimme eines Märchenerzählers.

Märchenerzähler »

Wolln wir wenigstens hoffen, daß das auch eine neue Sorte von Engeln ergiebt.

Die alte war ja speckulatiev zu nichts zu gebrauchen. Nuhr ein Bißchen anfilosofiert, schon schlugs dieser windigen Sippe aufs Himmelsgemüth und auf den vegetarischen Mahgen.

ENDE