Grad I, Grad II, Grad III, Grad IV, Grad V, Grad VI, Grad VII
Grad XI, Grad XII, Grad XIII, Grad XIV, Grad XV
Ilseborg
Hartmut
Pan
Mykene
Bovi
Hausfrau
Ihr Mann
Der Arbeiter
Der Unbeteiligte
Die drei Engel
Ein Hinterhof in Helsinki
Mittsommernacht
Albertinkatu 10, Helsinki, Finnland : Die 3 Balkone im 3. Stock
Avantgardistische Musik.
Ilseborg steigt die Feuerleiter zum Dach empor und schwingt sich am Trapez in die Mitte des Hofes. Hartmut liegt auf dem Gitter in Höhe des 2. Stocks. Pan tritt auf den Balkon No. 10 und richtet seinen Verfolger (VF) auf die turnende Ilseborg. Mykene tritt auf Balkon No. 27 und richtet ihren VF auf Hartmut. Ilseborg schwingt stärker und stärker und macht wildere Kunststücke, bis sie schließlich das Trapez losläßt und am Sicherungsseil auf das Gitter hinabgelassen wird. Hartmut fängt sie anmutig auf. Hausfrau öffnet Fenster neben Mykene, gibt („einen“) unartikulierten "Schrei von sich und wirft einen Kopfkissenüberzug aus dem Fenster. Bovi tritt auf den 3. Balkon und richtet seinen VF auf Hausfrau, diese schließt das Fenster, macht Licht aus. Bovi schaltet Verfolger ebenfalls aus, lacht leise.
Pan und Mykene haben ihre Verfolger ausgeschaltet, doch nun Licht auf den 3 Balkonen und schwaches Licht auf Gitter.
Heiß.
Kalt.
Doppelheiß.
Doppelkalt.
Doppelsehrheiß.
Minus zweihundertdreiundsiebzig Komma zwei Grad Celsius.
Endlichkeit erreicht.
Ja.
Wieso so kalt?
Schau sie dir an.
Sie richtet ihren VF auf Ilseborg und Hartmut.
Wärmer kann es immer werden.
Nicht kälter.
Ja.
Wollen wir nicht etwas Konversation betreiben?
Kalt!
Doppelsehrkalt.
Pause. Licht auf Balkonen schwächer, Licht auf Gitter heller.
Ich friere.
Ich schwitze.
Kalt.
Heiß.
Doppelsehrlauwarmkalt.
Eisheiß.
Heisig.
Licht aus.
VFPan auf Ilseborg / VFMykene auf Hartmut.
Heiß kalt kalt heiß kalt heiß kalt kalt heiß kalt heiß heiß kalt kalt kalt heiß kalt heiß heiß kalt ist gleich laukühl.
Sie setzt sich.
Sie setzt sich!
Heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß kalt heiß...
Es ist okay!
Hartmut macht weiter
Und im Woid da schdäd a Hiadal
Und bei dem Hiadal schdäd a Bam
Und wann i wieda zu dem Hiddal kam
Kam i wieda nimma ham.
Wohl wahr.
... heiß kalt heiß kalt.
Ilseborg zieht ihn heraus, er stoppt. Sie küßt ihn.
Heiß.
Kalt.
Doppeldreiunfünfzig warm dreiunddreißig zehn kaltundzwanzig sehrhundertheiß minus Fahrenheit und so kälter laumild Sommer Sonne Strand Sand süchtig sichendzwanzig und dreißigtausend warme beginnt zu stocken Kälte Schälte Melte Welte Ält-äh ... äh ... äh ... Pause. Heiß?
Kalt!
Hausfrau läßt Kopfkissen unbeteiligt fallen und geht nach innen, schließt Fenster nicht, Licht in Wohnung bleibt an.
Man sollte den Zustand verbessern.
Es ist hoffnungslos.
Hoffnungslos.
Licht aus, Rest von Grad III im Dämmerlicht der Finnischen Mittsommernacht.
Was sollen wir bloß tun? Alles erscheint so gleichgültig, jeder sieht keinen, keiner sieht jeden, wir verstehen uns nicht und sind einsam umringt von Armen. Sie steht auf. Was ist es, was der Mensch nicht wissen dürfen darf, da sich die, die es wissen, in den Tod begeben müssen, der allein ihnen den Mund auf lange verschließen kann, bis ein Wurm ihre Weisheit gefressen hat und sie uns mitteilen können darf? Warum hören hungernde Kinder irgendwann auf zu schreien; der Mensch stirbt für gewöhnlich mit offenen Augen.
Mit offenen Wunden!
Auch das noch.
Sollen WIR?
Aber nein, oder ist dein Wissensdurst größer als die Todesangst, du Möchte-Gern-Faust?
Nein, aber wer dann?
Sie.
Sie hat ihr Kopfkissen verloren.
Tja, Pech gehabt.
DreiEngel schweben auf das Gitter. Alles sieht kitschig aus und ist mit kitschiger Musik unterlegt. Es wird eine Art Wasch-Performance abgehalten, bei der Ilseborg zuerst ausgezogen wird und dann von den Engeln in einem schwebenden Druidenkessel gewaschen wird. Alles schwebt, nur Hartmut liegt staunend auf dem Gitter. Nachdem Ilseborg gewaschen wurde wird sie nackt in ein Rad gefesselt und auf den Boden hinuntergelassen, wo sie versucht, das Kissen mit den Zähnen aufzuheben. Inzwischen heben die Engel Hartmut in den Kessel und schweben mit ihm hinfort. Im selben Augenblick gelingt es Ilseborg, das Kissen zu erhaschen und sie wird wieder auf das Gitter gezogen und dort abgelegt. Nun liegt sie, noch immer in das Rad gefesselt, auf dem Rücken auf dem Gitter, das Kissen auf ihrer Brust und schaut starr in den Himmel. Bis hier wurde sie nur von Pan's VF beleuchtet, Hartmut von Mykene und die Engel von personenungebundenen, doch nun richten Pan, Mykene und Bovi ihre VF´s auf Ilseborg. Sie verweilen kurz, dann beginnt Pan zu singen.
Und im Woid da schdäd a Hiadal
Und bei dem Hiadal schdäd a Bam
Und wann i wieda zu dem Hiddal kam
Kam i wieda nimma ham.
Ist sie tot?
Frag sie.
Kaaaaaaaaaaaaalt!
Wieder dort; trotz Kissen.
Die Decke.
Jaaa, die Decke!
Ilseborg liegt wie vor, nur Pan s VF auf ihr. Hartmut (von Mykene´s VF beleuchtet) läuft wie irrsinnig in einen dunklen Mantel gehüllt am Boden auf die Feuerleiter zu und stürmt sie hinauf. Er greift nach dem Trapez und schwingt sich auf das Gitter, stürzt sich auf Ilseborg und breitet seinen Mantel über sie.
Laß mich dich begatten.
Er vollzieht Kopulationsbewegungen, Licht auf Gitter wird dunkler, Balkonlich heller.
Eine Vergewaltigung.
Wie romantisch.
Herzzerreißend.
Daß es soetwas noch geben darf.
Daß ich soetwas noch erleben darf.
Heiß!
kälter, kälter ...
Erstaunlich, was ein Kissen anrichten kann.
Ja, aber weißt du, ihr ist immer noch kalt.
Das stellt ein Problem dar.
Ein ernstes Problem. Ihre [bzw . „Hartmuts und Ilseborgs“] Gefühle stimmen nicht überein.
Überhaupt nicht.
Absolut nicht.
Ein Schuß, Hausfrau wirft die Leiche Ihres Mannes aus dem Fenster und lacht irre.
Eine Möglichkeit.
Ja, schon, aber sinnvoll?
Jaaaa!
Nein.
Hartmut bricht noch während des Schreis über Ilseborg zusammen und bleibt unbeweglich liegen. Stille.
Gehirnschlag in Folge zu hoher sexueller Anstrengung.
Wenn er wenigstens vorher noch seine primären Geschlechtsmerkmale aus den meinigen genommen hätte.
Ob er wohl in einem Kind fortleben kann?
Man sollte ihn da herunternehmen, das ist wirklich kein schöner Anblick.
Wirklich nicht.
Überhaupt nicht.
Aber w(eißt du)...
Unmoralisches verkommenes Pack, könnt ihr nicht mal was vernünftiges tun, ihr lungert immer nur rum und redet, unsereins hat zu arbeiten.
Seufzt.
Ach, was reg´ ich mich auf, hat ja doch keinen Sinn.
Sie will gehen.
Nachdem du dich nun schon einmal in meine Aufmerksamkeit ejakuliert hast, kannst du auch bleiben. Weist du...
Pause, spricht das folgende, als würde es ihm in diesem Moment einfallen.
Der Gedanke ist verloren im Augenblick, so ist jeder Augenblick ein Gedanke und jeder unausgesprochene Gedanke unweigerlich verloren, da wir jeden Augenblick mehr wissen müssen und gerade Gedachtes verwerfen müssen zu Gunsten einer Vorstellung dessen, was wirklich sein kann oder darf und nichts wird mehr so sein, wie es einmal sein durfte, in einem dafür günstigen Augenblick, der augenblicklich vergehen muß zu Gunsten des Augenblicks, der existenzhaft sein darf für einen weiteren Augenblick, einen Vergänglichen. Und nichts kann sein, da alles war, und nichts ist wahr, weil alles nur ein Teil ist dessen, was als Ganzes zu erfahren wir nicht in der Lage sein können dürfen.
Und doch glaubten wir einst, daß wir die Zukunft einsehen dürfen können.
Der Versuch der Abschüttelung der Kindheit ist immer mit Schmerz verbunden, da wir in ein Nichts geschossen werden, das zu ertragen der Mensch nur nach langem Zögern in der Lage ist. Und doch ist die Loslösung im Stand, das Neue zu schaffen. Man mutiert von der Zielscheibe zur Kugel, die selbstbestimmt ihr Ziel zu erreichen nicht in der Lage ist, und somit der Waffe bedarf. Die Zielscheibe erlangt ihre Existenzberechtigung durch den Schuß wie die Kugel, wie die Waffe. Vom Schuß sind wir alle abhängig, doch ist er nicht unter unserer Beeinflussung. Der Wissenszuwachs vermittelt uns ein Gefühl der Freiheit, daß in einer Unfreiheit endet, da der Wissenszuwachs eine Intention unseres Handelns induziert. Abhängig von dem Zwang, unserem Handeln eine Intention geben zu müssen, fließen wir in eine Kausalkette ein, deren Endigkeit wir nicht beeinflussen können dürfen, da sonst die Bildhaftigkeit der zweidimensionalistischen Welt in eine dritte Dimension, womöglich sogar in eine vierte zu flüchtigen versucht ist. Nichts ist mit einer solchen Fluchthaftigkeit beseelt als die Dimensionen eines bildlichen Denkvorgangs, der die Möglichkeit der Abstraktion mit sich bedeuten in der Lage zu sein im Stande sein können dürfen mag.
Am Schluß beginnt sie etwas zu stottern.
So ein Blödsinn.
Hausfrau ab.
Schon gut, vergeßt es. War nicht so wichtig.
... wichtig?
Wichtig.
Ein Arbeiter steigt auf das Gitter und trägt Hartmut über die Schulter gelegt weg.
A B M !] Ab.
Hausfrau legt eine Leiter von ihrem Fenster aus auf das Gitter, steigt hinaus und holt sich ihr Kissen wieder.
Knusper knusper knäuschen, wer knuspert an meim Häuschen? Ab.
Ein Unbeteiligter steigt auf das Gitter und löst Ilseborgs Fesseln, will weg.
Hey, du, warte doch mal.
Was?
Warum wirkst du so unbeteiligt?
Ich BIN unbeteiligt. Ab.
Ah ja.
Pause. Alle 3 VF´s auf Ilseborg .
So bin ich nun wieder frei zu tun was ich lassen kann.
Sie beginnt im Kreis zu gehen.
Heiß kalt kalt heiß kalt heiß kalt kalt heiß kalt heiß heiß kalt kalt kalt heiß kalt heiß heiß kalt . . .
Nun ist es vorbei und man hätte meinen können, daß sie etwas dazugelernt haben könnte, doch die wirkliche Veränderung ist wirklich unwirklich.
Die Wirklichkeit, die man sieht hat sich durchaus zum guten Verändert, . . .
. . . doch die Zuständigkeit bleibt laukühl.
Hausfrau tritt ans Fenster, schüttelt ihr Kissen aus, das inzwischen ein Loch hat, so das die Daunen auf den Boden fallen.
Und im Woid da schdäd a Hiadal
Und bei dem Hiadal schdäd a Bam
Und wann i wieda zu dem Hiddal kam
Kam i wieda nimma ham.
"Doppeldreiundfünfzig warm dreiunddreisig zehn kaltundzwanzig sehrhundertheiß minus Kelvin und so kälter laumild Sommer Sonne Strand Sand süchtig sichendzwanzig und dreißigtausende warme Kälte vergangen durchgegangen aufgegangenen in neunzig durch sieben frag nicht sag nicht was ich bin nicht hier und dort wirst du mich nicht ich dich nicht können doch wenn wir auch ich bin nicht mit dir und wenn doch dann kann man sie schon sehen stehen sehen was sie treibt sie dazuzugeben noch mehr Löffel noch mehr Löffel Gabel Messer Schere [Gabel] Licht ist für kleine Kinder können keine Korinten kacken weil ich dich und du mich mal am Arsch abwischen damit ich nicht rieche wie du stinkst aus dem Maul wie andere aus dem Arsch sei vergönnt sei dir was du bist du eigentlich?
Doppelsehrlauwarmkalt. Ab.
Eisheiß. Ab.
Heisig. Ab.
Ilseborg kniet nieder und beginnt zu weinen, Hartmuts Geist steigt auf das Gitter und legt ihr seinen Umhang um. Er jetzt nackt.
Alles wie vor.
Es muß doch noch irgendetwas geben.
Es muß!
Ja, es muß.
Ach mein Gott, ist das kitschig.
In der Mitte das Gitters steht der Druidenkessel, Die dreiEngel, die nun wie Indianer angezogen sind, sitzen im Schneidersitz auf Decken um ihn herum. Sie haben die Augen geschlossen und summen auf einem Ton ununterbrochen. Direkt unter dem Kessel ist ein Lagerfeuer auf dem Boden. Dahinter lehnt Pan sitzend an der Wand und entspannt sich mit geschlossenen Augen. Er hat die Hände über Mykene´s Bauch verschränkt, die zwischen seinen Beinen am Boden sitzt und mit einem langen Stock immer wieder mit geistesabwesendem Blick in das Feuer stößt. Sie summt/singt leise die Melodie von „EASY TO BE HARD“. Hört mitten drin auf.
Pause.
Wie denkst du inzwischen darüber?
Ich glaube, es war für beide die beste Lösung.
Wir werden sehen.
Sie summt weiter. Pause.
Wie lange werden sie noch brauchen?
Mykene blickt zu einem der Indianer und pfeift, dieses fordert sie mit einer Handbewegung auf, zu warten, sie wendet sich (sprachlich) wieder Pan zu.
Ein bißchen werden wir noch warten müssen.
Na gut.
Er drückt Mykene etwas enger an sich. Sie beginnt wieder zu summen.
Pause.
Nach einer Weile stehen zwei Indianer auf und gehen nach rechts bzw. links an den Rand des Gitters. Sie blicken hinab und geben gleichzeitig ein Handzeichen. Der verbliebene Indianer pfeift leise, worauf Mykene nach oben blickt. Er nickt ihr zu. Mykene erhebt sich, Pan öffnet die Augen und tut ihr gleich. Sie bleiben an der Wand stehen, Hand in Hand. Mykene hält in der anderen Hand den Stab.
Es geht los.
Die Hausfrau schiebt einen Käfig mit Bovi drin und ihr Mann einen mit Ilseborg. Sie kommen von links bzw. rechts und treffen sich in der Mitte genau über dem Feuer. Die Käfige müssen so gebaut sein, daß sie ganz knapp über dem Feuer den Gitterboden haben. Ilseborg kauert in Hartmuts Umhang gehüllt in einer Ecke und hat sichtlich Angst vor Bovi. Dieser trägt nun nur noch einen Lendenschurtz und gebärdet sich wie ein wildes Tier, in dem er in seinem Käfig wie wild herumspringt, doch er gibt keinen Laut von sich. Wenn sie Front an Front zusammenstehen steigt der Mann auf die Käfige und gibt den Indianern ein Seil, mit dem die Türen geöffnet werden. Hausfrau legt Schnallen an die Käfige, so daß sie zusammenhalten müssen. Der Mann steigt wieder herunter. Die Indianer, die vorhin schon aufgestanden sind, haben jetzt auch die Seile in der Hand. Der dritte Indianer blickt zu Mykene, die jetzt ein Taschentuch aus der Tasche holt und es mit ausgestreckter Hand vor sich hält. Der Indianer hebt die Hand. Mykene läßt mit eisigem Blick das Taschentuch fallen und der ...
Ha! ...
und läßt die Hand herabschnellen. Die beiden anderen Indianer beginnen, die Käfigtüren heraufzuziehen, Mykene klammert sich an Pan, der sie umarmt. Bovi stürzt aus seinem Käfig in Ilseborgs und will sich auf sie werfen. Diese bedeckt nun mit dem Mantel ihren gesamten Körper bis auf die Augen, die entsetzt auf Bovi gerichtet sind. Bovi hält kurz vor ihr inne und beginnt, um sie herumzugehen, klettert schließlich an die Decke des Käfigs, schmeist sich auf sie und greift unter ihren Mantel. Er hebt sie hoch und reist sie durch den Bauch in zwei. Er beißt ein großes Stück von ihrem Gesicht ab und ißt es auf. Dann ißt er ihre Brüßte und schließlich nimmt er die Unterleibspartie, entledigt sich seines Lendenschurzes und pimpert in ihre Möse. Dabei schreit er animalisch. Nachdem er ejakuliert hat richtet er sich auf und reißt nochmals an ihren Beinen, so daß der Unterleib sich teilt. Fleisch und Blut sprizt aus dem Käfig. Er nimmt ein Bein und schlägt damit auf ihren Kopf ein, schlägt gegen das Gitter und sich auf den Rücken, bis der sitzende Indianer den Kessel umkippt und mit dem darin befindlichen Wasser das Feuer löscht. Plötzlich hat Bovi keine Energie mehr und fällt hin. Er schleppt sich auf Ilseborgs Ecke zu, um schließlich in ihren Überresten liegenzubleiben. Er versucht, sich mit ihrem Torso zuzudecken und badet im Blut. Er beginnt zu weinen und schlägt immer wieder auf ihr Gesicht ein. Auf ein Nicken Mykenes lassen die Indianer die Tore wieder herab. Hausfrau und ihr Mann schieben die Käfige gemeinsam hinaus. Mykene und Pan setzen sich wieder wie am Anfang des 2. Teils. Die Indianer setzen sich. Der Arbeiter tritt auf und fegt Ilseborgs und des Feuers Überreste zusammen. Ab.
Es war also richtig.
Durchaus.
[Es versteht sich von selbst, daß hier eine perfekte Puppe von Ilseborg gebaut werden muß. Bevor Bovi sie zerreißt darf das Publikum nicht merken, daß es nicht die Echte ist (dies entfällt natürlich, wenn Ilseborg diese Szene selbst spielen möchte).]
Alles wie vor.
Es war also richtig.
Durchaus.
Dann laß uns gehen.
Ja, gehen wir.
Mykene legt sich auf die Bühne mit dem Kopf in die Überreste Ilseborgs und des Feuers. Pan steigt die Leiter zum Gitter empor und setzt sich zu den Indianern.
Jetzt sind sie also beide weg.
Wir haben versucht, das zu verhindern.
Ja, ich weiß, aber es mußte wohl sein.
Mykene wälzt sich etwas herum und stöhnt.
Sie wollte es unbedingt so.
Jetzt tu nicht so, als wenn es dir zuwieder gewesen wäre. Du hast ihr doch immer beigepflichtet.
Anfangs noch nicht.
Du hast dich aber schnell überzeugen lassen.
Pan singt etwas in sich zusammen, dann kommt ihm ein Gedanke, der aber noch etwas braucht, bevor er ausgesprochen werden kann. Schließlich spricht er.
Aber wovon denn überhaupt? Ich meine, was haben wir eigentlich getan?
Das weißt du nicht?
Das solltest du aber, du hast es schließlich mit veranlaßt.
Habe ich nicht. Ich habe nur nichts dagegen gemacht, aber ich habe es nicht veranlaßt.
Du weißt also wirklich nicht, was das für einen Sinn hatte?
Nein.
Die Indianer blicken sich gegenseitig an und nicken.
Okay, wir werden es dir zeigen.
Indianer II steht auf und bindet Pan eine Augenbinde um. Dann heben sie ihn zu dritt in den Kessel und fliegen mit ihm weg.
Mykene ist inzwischen dazu übergegangen, ein Bein Ilseborg´s abzulecken. Sie blickt nach oben als die drei bzw. vier gerade verschwinden.
Pan? . . . Pan! Was soll das? . . . Pan! Zunehmend verzweifelt. Pan, komm zurück, was soll ich denn hier ohne dich? Pan! Pan!
Licht schwächer, Mykene´s Schreie verhallen hinter dem fallenden Vorhang.
Am Boden steht ein gläßerner Sarkophag, in dem Ilseborg´s Gebeine reliquienartig aufgebahrt sind. Bovi steht davor und weint. Mykene steht am Bühnenrand.
Es war ein kurzer Spaß, den wir hatten, doch das Schicksal ließ uns nicht mehr Zeit!
wird erst jetzt von Bovi bemerkt. Hältst du das wirklich für Schicksal?
Was war es denn sonst?
Dein Wille!
Mein Wille?
Dein Wille!
Demnach hätte ich ja einen Mord begangen.
In der Tat.
Ich wäre schuld an ihrem Tod.
Ja.
Und wie soll ich jetzt mit dieser Schuld leben?
Das ist deine Sache. Ab.
Herein Hausfrau , Pan erscheint auf Bovis Balkon. Er raucht.
Bin ich wirklich schuld an ihrem Tod?
Kalt.
Das Schicksal hat uns getrennt!
Kalt.
Aber wer dann?
Hausfrau bleibt stumm.
Hat denn überhaupt jemand Schuld daran?
Heiß.
Ganz kalt, ganz kalt.
Du bis an meinen Platz getreten!
Heiß.
Hausfrau fühlt sich deplaziert und geht.
Wie komme ich denn da wieder hin?
Versuch es doch.
Bovi ab.
Auf der Suche nach einer nie gesehen Farbe kam ich in Regionen meines Bewustseins, in denen ich nie zuvor war. Ich glaube, es war Afrika. Um nach Afrika zu kommen muß man, wenn ich mich richtig erinnere, kurz nach der Mutter – Kind – Prägung Richtung Ödipus - Komplex und dann durch den Kaspar Hauser Tunnel. Zur linken liegt dann der Expansionstrieb, da kann man was trinken gehen, im Gasthof „Zur sexuellen Identität“, die haben einen furchtbar guten Schnaps. Wenn der Wirt betrunken ist, dann faselt er immer etwas über Penisneid, aber da muß man halt weghören. Meistens ist auch das Agressionspotential da und versucht sich zu senken, und wenn man Pech hat, muß man das Bett mit einem Fetisch teilen, aber so schlimm sind die gar nicht. Vor allem kennen die sich unglaublich gut aus. Und wenn man dann am nächsten Tag zur Identitätskreuzung kommt sollte man sich nur nicht nach den Tips des Alter Ego richten, das lungert da hin und wieder rum. Es sagt einem immer den falschen Weg! Dann geht ein kleiner Pfad über die Angstberge ins Furchttal, doch wenn man dann zum Überlebensstrom kommt, der hier sehr schnell fliest, hat man das Schlimmste schon hinter sich. Aus den Bange-Bäumen kann man sich ein Floß bauen und kommt so schneller voran. Und gleich hinter der Über-Ich Klause liegt Afrika.
Mykene ist während des Monologes auf ihrem Balkon erschienen, raucht, Pan bemerkt sie erst jetzt.
Und was ist dann da?
Dort sind sie. Deutet auf des Gitter.
Etwa alle beide? Zusammen?
Ja.
Scheiße. Ab.
Hinter Pan erscheint Bovi und tippt ihm auf die Schulter, Pan blickt sich um, Bovi deutet ihm, daß er Platz machen soll.
Oh, sorry, ja klar. Ab.
Bovi setzt sich auf das Gländer.
Bovi weiter auf seinem Balkon. Pan und Mykene steigen durch das Fenster Hausfrau auf eine Leiter, die auf das Gitter hinausragt. Sie sehen sich interessiert um. Ilseborg und Hartmut kommen auf Mykenes bzw. Pans Balkon und schalten die VF ein, richten sie auf Pan bzw. Mykene. Ilseborgs Sarkophag steht immer noch da.
Na, wie ist es?
Heiß.
Kalt.
Doppelheiß.
Doppelkalt.
Doppelsehrheiß.
Minus zweihundertdreiundsiebzig Komma zwei Grad Celsius?
Nein.
Kein Ende.
In Sicht.
Keine Sicht.
Am Ende.
Am Sicht Ende.
Keine End-Sicht.
Soll das etwa Konversation sein?
Kalt!
Doppelsehrkalt.
Pause. Licht auf Balkon an, Licht auf Gitter schwächer. VF aus.
Ich friere nicht.
Ich schwitze nicht.
Nichts.
Gar nichts.
Ja, ja.
Kann ich zu dir?
Nein.
Nie?
Nie!
Mykene und Pan beginnen sich zu küssen. Hausfrau öffnet ihr Fenster, hat ein Gewehr in der Hand.
Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.
Sie zielt auf Bovi und drückt ab, dieser fällt tödlich getroffen um.
Ritze ratze, voller Tücke in die Brücke eine Lücke.
Schießt ihr Fenster.
Und im Woid da schdäd a Hiadal
Und bei dem Hiadal schdäd a Bam
Und wann i wieda zu dem Hiddal kam
Kam i wieda nimma ham.
Die drei Indianer sitzen mit Hausfrau zusammen im Kreis am Boden und rauchen unzerremoniell eine Friedenspfeife.
Meint ihr, es war richtig, ihn nach Afrika zu führen?
Wir haben ihn dort nicht hingeführt, wir haben ihm nur gesagt, daß es Afrika gibt.
"Durch seinen eigenen Wusch ist er dort hingelangt.
Ach so, dann ist ja alles in Ordnung.
Indianer I betrachtet sie mißtrauisch.
Was soll das heißen?
Wieso, dann ist doch wirklich alles in Ordnung, oder.
Ja.
Pause.
Sicher ist alles in Ordnung, doch es hat den Anschein, als würdest du es nicht wirklich glauben.
Tatsächlich? Das kann ich mir gar nicht erklären.
Was ist dein Problem?
Wo liegt der Unterschied, ob ihr ihn hingeführt habt, oder ob ihr ihm nur gesagt habt, daß es das gibt?
Der Weg war schon da, er mußte ihn nur noch beschreiten.
Ach so, ja dann.
Sie gibt die Pfeife weiter. Die Indianer betrachten sie wieder mißtrauisch. Bovi kommt herein, der den Druidenkessel hinter sich her zieht.
Ich möchte etwas kochen.
Und was?
Mich!
Die Indianer sehen ihn verwundert an.
Ich habe das Gefühl, als wenn mein Feuer gelöscht worden wäre.
Das stimmt.
Ich möchte es wieder entflammen.
Mit kochen kenne ich mich bestens aus.
Sicher tust du das. Hast du auch deinen Mann schon gekocht?
Wieso?
Das kochen von Menschen ist doch etwas anderes als von Gemüse.
Ist es auch etwas anderes als des Kochen von Tafelspitz?
Na ja.
Sag ich doch, und ich koche den besten Tafelspitz in ganz Afrika.
Mir wäre es lieber, wenn mich einer von euch kochen würde.
Und wieso?
Von den dreien hat mich noch keiner umgebracht.
Hausfrau ist beleidigt.
Doch.
Wieso?
Wir haben dein Feuer gelöscht.
Nicht sie?
Nein, sie hat dich erschossen.
Richtig, ihr habt diesen Kessel umgestoßen.
Ja.
Und könnt ihr das Feuer wieder anzünden?
Nein.
Ja.
Wir könnten.
Was soll das heißen?
Wir werden es nicht tun.
Wieso nicht?
Wieso sollten wir dir ein zweites Leben schenken?
Weil ihr mir das erste genommen habt.
Das ist kein Argument.
Wir nehmen ständig Menschen das Leben.
Andauernd.
Wieso?
Aus Steuergründen.
Ach so, sagt das doch gleich.
Ab, läßt den Kessel stehen.
Ich hätte ihn so gerne gekocht.
Tja, man kann nicht alles haben.
Bovi steht alleine mit dem Kochtopf am Boden, der Topf ist umgefallen, er hält den Griff schlapp in der Hand. Auf Bovi´s Balkon sind Mykene und Pan zu sehen, Pan sitzt auf einem einfachen Holzstuhl, Mykene sitzt auf seinen Schoß, die beiden küssen sich hin und wieder, sie flüstern leise. Bovi ist sehr unmotiviert, er setzt einige Male dazu an, etwas zu sagen, läßt es dann doch bleiben. Schließlich rafft er sich auf, läßt den Topf los, und wendet sich in einer Geste dem Publikum zu, wie wenn er mit einem langen Monolog beginnen würde. Er atmet gerade ein, da beginnt Mykene lauthals zu lachen, Pan lacht wesentlich leiser mit, er hat offenbar gerade einen Witz gemacht. Bovi ist dadurch sichtlich aus dem Konzept geworfen, das eben mühevoll zusammengesuchte Selbstbewustsein schwindet wie die Luft aus einem Luftballon entweicht. Ilseborg und Hartmut treten von rechts kommen auf, sie werfen sich einen Luftballon zu, jeder stupst ihn nur kurz an, keiner hält ihn fest. Spielend nähern sie sich Bovi. Mykenes Lachen verklingt etwas, doch die Unterhaltung der beiden setzt sich fort. Ilseborg und Hartmut umringen Bovi, es entwickelt sich eine Tratzball Situation. Die beiden stupsen sich den Luftballon so zu, daß Bovi ihn nicht zu fassen bekommen kann, dieser versucht sich aber immer höher nach ihm zu recken, Ilseborg und Hartmut genießen dieses Spiel offenbar sehr, sie grinsen beide breit. Mykene steht von Pan s Schoß auf und wirft ein Seil vom Balkon hinab, das an dessen Geländer festgebunden ist. Sie läßt sich an diesem hinunter. Auch Pan möchte sich hinunterlassen, doch ihm gelingt es nicht ganz, und auf halber Höhe gleitet ihm das Seil aus der Hand und er fällt zu Boden. Die beiden machen jetzt immer mehr einen trunkenen Eindruck. Mykene hilft Pan lachen aufzustehen, auch Pan lacht, er hält sich noch an dem Seil fest, um aufstehen zu können, wenn er steht reist er mit einem kräftigen Ruck das Seil herunter. Mykene nimmt das andere Ende und geht auf die andere Seite der Bühne. Sie beginnen, das Seil zu schwingen, so daß Bovi zum Seilhüpfen gezwungen wird. Dieser ist dadurch sichtlich überfordert, der Luftballon verliert sehr an Aufmerksamkeit. Doch schließlich stürzt Bovi und im Fallen erreicht er den Luftballon, der laut platzt, als er auf ihn fällt. Ilseborg, Hartmut, Mykene und Pan bleiben erstarrt stehen, das Fenster der Hausfrau öffnet sich, sie ist aber nicht zu sehen, statt dessen wir eine Angelrute aus dem Fenster gehalten, deren Leine bis zum Boden reicht. Der Haken schwebt kurz über dem Boden. Die Engel, jetzt wie Opernbesucher gekleidet, kommen von rechts herein und klatschen (was sich noch auf Bovis Leistung bezieht, nicht auf die Angel). Sie stellen sich in einem Halbkreis hinter Bovi, der sich verwirrt umdreht. Schließlich beginnt er kindlich zu lachen. Der erste Opernbesucher holt eine Schachtel Zigaretten heraus, der zweite entnimmt eine und steckt sie Bovi in den Mund, der dritte holt ein silbernes Feuerzeug heraus und gibt ihm Feuer. Bovi nimmt einen tiefen Zug und rennt freudig schreien von der Bühne.
Heiß, heiß, heiß ....
Ab nach links.
Die dreiOpernbesucher ignorieren die vier erstarrten Personen und gehen zu dem Angelhaken. Der erste holt eine Glasschale heraus und stellt sie unter den Haken, der zweite holt eine (Plastik-) Flasche Wasser heraus, füllt die Glasschale und wirft die Flasche dann hinter sich, ohne sich umzusehen. Sie trifft einen beliebigen der vier. Der dritte holt einen zappelnden Goldfisch aus der Tasche und läßt ihn in die Glasschale fallen. Dann alle drei ab nach links. Durch den Treffer mit der Wasserflasche ist die entsprechende Person aufgewacht, und ganz langsam kommen sie alle wieder zu sich. Sie frieren offenbar alle, sie versuchen sich gegenseitig zu wärmen und verlassen alle die Bühne nach rechts. Nur noch schwaches Licht auf die Glasschüssel.
Winterstimmung. Vor dem Gitter hängen große Eiszapfen herab. Am Boden steht eine einfache Parkbank, auf der Pan und Mykene in dicken Mänteln sitzen. Ilseborg steht bei einem dürren Baum und füttert imaginäre Vögel.
Buut, but, but, but... Ja, brav, das schmeckt euch, gell? Jaaa.
Wann kommt er?
Wir warten eigentlich noch auf die Voraussetzung.
Kalt.
Ja.
Der Arbeiter kommt herein und trägt ein Bushaltestellenschild,stellt es neben der Bank ab und geht wieder.
Und, wie lange noch?
Bald
Kalt.
Ja.
Die Hausfrau kommt herein, sie trägt einen großen Schwertfisch auf dem Rücken. Sie setzt sich zu Pan und Mykene, pfeift ein Lied vor sich hin. Sie legt sich den Schwertfisch auf den Schoß.
Hallo.
Hallo.
Kalt.
Ja.
Hausfrau scheint sich nicht besonders für diese Unterhaltung zu interessieren, sie blickt sich nach dem Bus um. Ilseborg hat all ihr Brot den Vögeln gegeben und stellt sich nun auch zur Bank.
Wo gibt es denn noch so große Fische?
In Afrika.
Kalt?
Nein, heiß!
Ah ja.
Da muß Afrika ja groß sein, wenn es da so große Fische gibt.
Ja.
Wie groß?
Hausfrau überlegt, Ilseborg möchte ihr eine Hilfestellung geben.
So groß?
Hausfrau schüttelt den Kopf, sie scheint sich immernoch unsicher zu sein.
So groß?
Hausfrau schüttelt immernoch den Kopf, sie sucht nach Worten.
So groß?
Hausfrau sieht zunehmend hilflos aus, sie schüttelt den Kopf.
So groß?
Hausfrau nickt enthusiastisch, steht auf, wobei ihr der Schwertfisch vom Schoß fällt. Hausfrau freudig Richtung Publikum mit Blick in die Ferne.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!
Sie setzt sich wieder, wobei sie den Schwertfisch mit ihrem Fuß nach vorne stößt.
Er kommt.
Geräusche eines Busses überqueren die Bühne, wenn sie in etwa bei dem Schwertfisch sind, zerplatzt dieser. Alle blicken dem Bus nach, der offenbar nicht anhält, nur die Hausfrau blickt entsetzt auf ihren Fisch. Nachdem der Bus vorbei ist, stehen alle außer Hausfrau auf und verlassen in verschiedene Richtungen die Bühne. Hausfrau fällt auf die Knie und gräbt ihre Hände in das tote Fleisch des Fisches. Sie beginnt zu weinen. Ihre blutigen Hände wischt sie über ihr Gesicht.
Afrika. Afrika... AFRIKA!!!!