Antigone, die Tochter des Ödipus,
Kreon, ihr Onkel,
Ismene, ihre Schwester,
Heimon, ihr Geliebter,
Eurydike, Kreons Frau,
Die Soldaten des Kreon und des Heimon,
Der Wächter des Kreon,
Der Wirt einer Rotlichkneipe,
Die Passanten und Bürger Thebens,
Eine Prostituierte, die durchzublicken scheint,
Ein Arzt, der an die Götter glaubt,
Das Kind, eine unpassende Person,
Der Ritter, eine weitere unpassende Person,
Ismenes Leiche, die noch frisch ist und
Polyneikes´ Leiche, die schon verwest.
Ein Ragout aus Antike und Moderne, beizeiten auch mit mittelalterlichen Anspielungen. Alles in allem soll es ersichtlich sein, daß dieses Stück schon seit mehr als 2000 Jahren gespielt wird.
Am rechten Bühnenrand sitzen vier Soldaten (an einem Lagerfeuer) und spielen Karten. Sie unterhalten sich in einer Lautstärke, daß man sie hört aber nicht versteht. Links liegt die Leiche des Polyneikes, die schon leichte Verwesungserscheinungen zeigt. Antigone steht hinter ihm, die Hände vor´s Gesicht geschlagen. So beginnt sie zu sprechen.
Nacht ist´s geworden, still in den Straßen. Hie und da kläfft ein Köter, der von niemandem beachtet wird. Ich bin durch Thebens Gassen gelaufen, bis selbst die Götter sich schlafen gelegt haben, und auch der Wind zur Ruhe gekommen ist. Ich habe die Tore der Stadt verlassen und bin nun dort, wo ich nicht sein darf. Sie kennen das ja.
Ein großer Mann, mein Onkel, der weiß, was das Volk will: Panem et circenses.
Und ab und zu eine grausame Art des Machtbeweises, nur um zu zeigen, wie wohlwollend er eigentlich ist.
Er ist nicht bößartig, verstehen sie ihn nicht falsch. Er hat auch nur Angst: Wenn man es in der Politik einmal zu etwas gebracht hat, dann kann man nicht einfach sagen:
Ich will nicht mehr wollen.
Sondern man steht es durch, bis zum bitteren Ende. Das Volk mag keine Herrscher, die keine Antworten haben. Eine Antwort müssen sie immer haben. Und sei sie auch noch so hirnrissig. Eine Antwort müssen sie immer haben.
Das nun hier, was auf so unfreiwillig ungezwungene Art den ihm eigenen Verwehsungsgestank verbreitet ist die Antwort auf die Frage: Bist du würdig uns zu regieren?
Und: Hast du die Macht, uns zu regieren?
Zugegeben, er hätte schlechtere Antworten gegeben, trotzdem bleibt sie hirnrissig. Und außerdem wird sie mich ins Verderben stürzen.
Sie wissen es.
Ich weiß es.
Kreon weiß es.
Das Volk weiß es wahrscheinlich auch.
Pause.
Dummer Junge. Deinen Bruder haben sie gestern bestattet, mit militärischen Ehren. Mir ist fast schlecht geworden. Es sah so aus, als wäre es ein Held gewesen, einer, der nichts anderes im Sinn hatte als das Wohl Thebens und seiner Bürger. Bei Kreons Traueransprache mußte ich fast lachen, ich hab es mir aber dann doch verkniffen.
„Etheokles stürzte sich selbstlos und todesmutig in den Kampf gegen Thebens Feinde, in den Zweikampf, um die treuen Soldaten der Stadt nicht zu gefährden, und trotz seines Todes hat er uns vor der Okkupation bewahrt.“
Dummer Junge. Alle beide dumme Jungs. Wie früher: Wenn ihr zehn Spielautos hattet, dann konntet ihr sie nicht fünf zu fünf aufteilen, jeder wollte alle haben, und weil ihr sie nicht alle haben konntet, schlugt ihr sie entzwei, dann hatte jeder zehn Halbe, und keiner konnte mehr spielen. Jetzt habt ihr euch gegenseitig entzwei gehauen und keiner kann mehr leben. Und nur weil ihr so dumme Jungs wart, soll ich jetzt auch sterben?
Ich werde sterben, weil ich die Gebote irgendwelcher Götter, die sich mir nie vorgestellt haben, erfüllen soll, gegen das Gebot meines Onkels und Königs Kreon handeln soll, der verboten hat, dich, meinen Bruder zu bestatten. Ich werde sterben.
Ich weiß es.
Sie wissen es.
Kreon weiß es.
Alle wissen es.
Pause.
Kreon ist nicht schuld. Er ist Politiker. Politiker brauchen Antworten.
Das Volk kann auch nichts dafür, es mußte [diese] Fragen stellen, schließlich muß es ja die Macht des Herrschers abschätzen können, um zu wissen, wie viel es sich erlauben kann. Und ich muß jetzt dieses Gebot brechen, um Kreon die Möglichkeit zu geben, seine Standfestigkeit zu beweisen. Er ist schon ein armes Schwein, er muß ein Haufen Sachen machen, nur weil er König ist. Und ich bin ebenso in diesen Geschichtsverlauf einstrukturiert, ich muß sein Gegenspieler sein.
Pause. Sie geht zu Polyneikes, kniet nieder und küßt ihn auf die Stirn, stößt einen Schrei das Ekels aus und wischt sich über den Mund.
Oh, Scheiße, du schmeckst ja genauso, wie du riechst.
Steht auf.
Na ja, du kannst ja nichts dafür.
Im Halbdunkel hinter ihr taucht ein Soldat auf, der sich vorher von der Gruppe entfernt hat und hinter der Bühne hinter Antigone geschlichen ist. Antigone bemerkt ihn nicht. sie nimmt etwas Erde auf und will es über Polyneikes streuen. Zögert, wirft die Erde in eine andere Richtung und schreit:
NAAAAAAAIN.
Wirft sich zu Boden.
Ich kann es nicht mehr, ich will noch nicht sterben . . .
Steht auf.
Ich werde dich nicht bestatten. ich laß es einfach bleiben, was willst du dagegen tun?
Blickt Polyneikes herausfordernd an.
Ich denke mal, daß es dir sowieso egal ist.
Setzt sich zu ihm.
Wir hatten beide nicht viel Glück im Leben, ich hoffe, es ist dir recht, wenn ich mein Leben mal etwas glücklicher gestalten will.
Der Soldat entfernt sich.
Weißt du, ich liebe Heimon, er mich auch, und wir wollen heiraten. Ich möchte ein schönes Leben führen, ich möchte das mal ausprobieren, ich hab sowas noch nie erlebt.
Steht auf.
Also dann, mach es gut, ich werde an dich denken.
Geht zu den Soldaten.
Danke, daß ihr mich mal mit ihm alleine gelassen habt.
Kein Problem, war uns ein Vergnügen.
Lacht böse.
Also dann, machts gut. Ab.
Besser als du bestimmt.
Alle lachen böse.
Schlichter Thronsaal. Tisch in der Mitte, dahinter zwei Stühle. Schrank an der Rückwand. Links ist ein leicht erhöhter Thron zu sehen.
Es ist so weit, sie hat es wieder getan, und ich werde wieder genauso handeln. Es langweilt mich. Ich muß der große ungerechte Herrscher Thebens sein, ein machthungriger alter Klotz, der nichts besseres zu tun hat, als seine Familie und sich selbst in den Tod zu stürzen. Das Volk giert danach. Frag einen aus dem Volk, was ihn stört, ändere dies und du wirst merken, daß ihnen genau dies abgeht. Trachte ihnen nach Leib und Leben und sie flehen dich an, du mögest ihnen doch Sicherheit geben.
Gibst du ihnen Sicherheit, dann werden sie langweilig und fett, und sie sagen, daß du ihnen eine Freizeitbeschäftigung geben sollst. Allein das Wort : Freizeitbeschäftigung! Was heißt Freizeit? Wie als wenn es nicht genug zu tun gäbe. Nun, du gibst ihnen also Spiele, Sportgeräte, Theater, Bordelle, Kneipen und all das, und sie beklagen sich, daß das alles so viel kostet. Schließlich holst du deine Soldaten und sagst ihnen, sie sollen die Menschen durch die Straßen hetzen, ihnen das Fürchten lehren. Das ist billig. Die Soldaten mußt du ja sowieso bezahlen.
Oder du fängst einen Krieg an. Das funktioniert immer. Gut für die Wirtschaft, gut für die Moral, gut für den Körper. Und weil es ihnen zu lange gut ging wollen sie jetzt Blut sehen. Das Blut der Familie Ödipus. Und ich bin ihr Handlanger. Alle denken, ich hätte hier die Macht. Sie wissen garnicht, daß ich nur eine Marionette der Volksstimmung bin. Aber wenn irgendetwas passiert, dann muß ich die Verantwortung übernehmen. Sie haben mich zum Sündenbock der Stadt ernannt, und jetzt kommt mein erster Fehler. Freilich ist es nicht mein Fehler, denn ich tue nur, wozu das Volk mich zwingt, mein Fehler ist vielmehr, daß ich dieser Sündenbock bin. Einen größeren Fehler kann ich mein ganzes Leben lang nicht mehr begehen.
Aber hier bin ich nun mal, und wenn ich abdanke, dann werden sie mich steinigen. Sie wollen, daß ich ihnen die Antwort gebe, die sie sich – ohne es zu merken – selbst gaben. Ich muß sie nur vollziehen. Ach ja, das sagte ich schon.
Ich sitze also jetzt hier und warte auf die Nachricht, das Polyneikes bestattet wurde, und muß dann so tun, als ob ich an einen Schlag meiner politischen Gegner denke.
Kreon holt eine silberne Flasche aus der Innentasche und gießt sich einen Doppelten ein. Wartet. Trinkt aus. Das gleiche nochmal. Aus dem Off die Stimme einer Fußballübertragung ca. 30 sek. Endet in enthusiastischem „Tor, Tor, Tor“-Schreien. Kreon seufzt laut und wiederholt Prozedur.
Heut´ weiß ich ganz genau,
Warum sie das getan.
Wir werden doch vollenden,
Ab. Leise hinter der Bühne.
Was er nicht konnt beenden,
Kaum mehr zu hören.
Und Vater geht voran.
Kreon wartet, vollzieht gleiche Prozedur nochmal. Wartet. Steht langsam auf und geht leicht schwankend auf einen Schrank zu, öffnet ihn, nimmt ein zweites Glas heraus, dreht sich zum Publikum.
Ich werde wohl einen mit ihr trinken, denn sie hat es verdient. Sie ist ein gutes Mädchen, tut, was man von ihr erwartet, läßt sich nicht lange bitten. Macht es einfach. Diese Götter werden mit ihr zufrieden sein. Vielleicht läßt Charon sie umsonst in den Hades, dann hat sie einen Obolus, um sich von Persephone ein Wurstbrötchen zu kaufen. weil sie ja sooo tapfer ist, das gute Mädchen.
Lacht, geht zum Tisch, stützt sich auf, gießt beide Gläser voll, die leere Flasche wirft er hinter sich. Trinkt sein Glas. Setzte sich. Wartet. Legt eine Hand an sein linkes Ohr. Hört nichts. Wartet. Nimmt Antigones Glas. Schaut hindurch. Dreht es.
Auf dich, meine geliebte tote Nichte.
Trinkt es aus. Singt auf dem Tisch zusammen und schläft ein.
Stimmen von draußen.
Ich muß zu ihm.
Was ist denn, daß du so in Eile bist? Du mußt ja Unerhörtes bringen.
Ja, Schreckliches! Deswegen muß ich ja hinein.
Ich melde dich.
Herr. Herr!
Rüttelt ihn.
Ein Soldat, der Polyneikes bewachen soll, ist gekommen und möchte euch unbedingt sprechen. Es ist offensichtlich sehr dringend. Herr, wacht doch auf.
Ich weiß schon:
Es war jemand beim Toten,
Der ihn begrub. Er streute durstigen Staub
Auf ihn und weihte ihn, was sich gehört.
Lacht in sich hinein.
Was sagt ihr? Da wißt ihr mehr als ich. Ich frage den Soldaten, ob dies seine Botschaft ist.
Geht wieder hinaus. Man hört sie sich leise unterhalten. Der Wächter kommt wieder herein. Rüttelt Kreon wieder.
Herr, Herr! Es ist nicht wie ihr meintet. Niemand hat Polyneikes bestattet.
Wie? Niemand, nicht mal ein bißchen Erde liegt auf ihm? Was soll das?
Soll ich den Soldaten hereinrufen?
Ja, schnell.
Wächter ab. Soldat nach kurzer Pause herein. Kreon hat sich inzwischen erhoben und geht herum.
Herr, ich behaupte nicht, ich sei vor eile
In Atemnot, weil mir die Füße flogen.
Nein, der Sorgenaufenthalte hatt´ ich viel
Und drehte oft...
Ja, ja, das kennen wir mittlerweile schon, sag, was vorgefallen ist.
Aber diesmal treffen die Zeilen wieder zu wie beim ersten Mal.
Sprich!
Antigone kam zu uns und fragte, ob sie nicht zu ihrem Bruder gehen dürfe, um sich von ihm zu verabschieden. Ich war zuerst dagegen, doch dann flüsterte mir ein Kollege zu, daß du ja nur das Beweinen und Begraben verboten hattest, nicht aber das Abschiednehmen. Also ließen wir sie gewähren. Ich dachte mir aber, daß sie ihn wohl bestatten wollte, und so schlich ich mich von hinten heran, um sie in flagranti zu erwischen. Und da hörte ich, wie sie sagte: „Ich werde dich nicht bestatten. Ich laß es einfach bleiben“. Natürlich kann ich nicht beschwören, daß sie es nicht noch tut, doch für mich klang der Entschluß reiflich überlegt.
Sie hat sich also verändert.
Hebt die Flasche auf.
Füll sie mir neu auf. Bring sie mir, und laß Antigone kommen
Soldat ab. Kreon wieder nachdenklich.
Ja, sie hat sich verändert. Eigentlich wurde es auch Zeit. Aber ich habe nicht damit gerechnet. Ganz und garnicht. Jetzt stellt sich die Frage, was ich tun soll. Sie hat gegen kein Gebot verstoßen, nur gegen die Tradition. Sie hat ihn doch bis jetzt immer beerdigt.
Sie kommt sofort, zieht sich nur noch an. Ab.
Kreon hält die Flasche in der Hand und betrachtet sie gedankenverloren. Schenkt sich ein Glas ein. Setzt sich. Wartet. Trinkt aus. Kurzer Ausschnitt aus der Truman-Rede „Nuclear Bomb“. Kreon wiederholt die Prozedur. Antigone kommt mit harten Schritten herein und bleibt etwa drei Meter vor Kreon unvermittelt zum Publikum gewannt steif stehen. Kreon schenkt in beide Gläser ein, reicht eins Antigone, ohne sie anzublicken. Sie schüttelt den Kopf – Kreon sieht das nicht. Hält weiter das Glas. Schweigen. Nach langer Pause:
Nimm und trink.
Antigone nimmt das Glas, trinkt aus, läßt es fallen, Glas zerspringt, sie zeigt keine Gefühlsregung.
Immer noch das störrische Kind.
Nimmt den zweiten Stuhl und schmeißt ihn Antigone vor die Füße ohne aufzublicken. Diese rührt sich nicht.
Setz dich!
Antigone setzt sich auf den Stuhl ohne ihn aufzurichten (irgendwie) und blickt weiter unbewegt.
Warum hast du das gemacht?
Warum habe ich was gemacht? Ich habe nichts getan, als mich nach deinen Geboten zu richten, ich verstehe nicht, warum du mich gerufen hast. Was soll das? Ich bin genauso redlich wie jeder andere Bürger Thebens. Wenn mir jemand etwas vorzuwerfen hätte, dann die Götter, aber kein Sterblicher.
Setzt sich wieder in gleicher Haltung wie vorher, sitzt und blickt unbewegt.
Mein gutes Kind, du kannst doch nicht einfach Jahrtausende alte Traditionen durchbrechen. Was soll denn das Volk von dir denken? Wir, als die Herrscherfamilie, haben doch gewisse Verpflichtungen. Wir können nicht einfach ganz eigennützig handeln. Wir müssen an die Stadt denken. Also, ich bitte dich, geh vor die Tore und bestatte ihn wie eh und je.
Und was passiert dann mit mir?
Diese Frage brauche ich dir doch nicht zu beantworten : Das gleiche wie immer. Meinst du vielleicht, mir schmeckt es, meinen Sohn zu verlieren und als alter, gebrochener Greis mein Dasein zu fristen? Ich würde auch gerne ausbrechen, aber ich kann nicht. Das Volk wünscht es so.
Kannst du doch!
Und kannst du mir einen vernünftigen Vorschlag machen, wie das gehen soll? Sie wollen ganz klar, daß mein Gebot gebrochen wird, damit ich meine Willensstärke beweisen kann. Und zwar nicht von irgendjemandem: Er oder Sie muß von königlichem Blut sein. Also Ismene, Heimon oder Du.
Oder Du!
Du machst mir Spaß. Wie soll ich denn meine eigenen Gebote übertreten? Es geht ja hier um meine Glaubwürdigkeit. Nein, nein, das muß schon einer von euch machen. Und sag mal ehrlich, glaubst du, daß Heimon oder Ismene dazu in der Lage sind? Das ist doch lächerlich. Mitleiden, ja, das können sie, aber selbst aktiv werden?
Heimon kann sich doch auch selbst töten. Ich könnte ihn doch überreden, das zu tun. Wenn ich ihm sage, daß ich ihn sonst verlasse, dann wird er es bestimmt tun.
Und du wirst dich dann nicht umbringen, wenn er sterben muß?
Hältst du mich für blöd?
Nein.
Pause.
Aber nein, ich glaube, es ist besser, das wird von einer Frau erledigt. Ich stehe doch viel schändlicher da, wenn ich eine Frau umbringe. Und darum geht es ja auch.
Dann Eurydike.
Meine Frau? Überlegt.
Nein, sie hat nur eine Statistenrolle. Das würde sie zu sehr in den Vordergrund rücken. Dafür ist sie nicht gut genug.
Dann bleibt also alles wieder an mir hängen?
Sieht so aus. Tut mir leid.
Ich will aber nicht.
Kreon nimmt die Flasche, steht auf, nimmt ein neues Glas aus dem Schrank, füllt es und gibt es Antigone. Setzt sich, füllt sein Glas und trinkt daran. Antigone nippt nur.
Jetzt nimm halt Vernunft an, wir haben beide keine Wahl.
Ich gehe.
Ab wie sie hereinkam.
So bleib doch.
Pause. Ritter wankt wegen der schweren Rüstung über die Bühne. Er zieht eine Lanze hinterher. Müde. Blickt Kreon an. Dieser Trinkt sein Glas aus und wirft es nach jenem, so daß es an der Rüstung zerspringt. Ritter geht müde weiter.
Schon als Kind war ich allein,
Hatt´ zum spielen nur ein Schwein,
Doch das grunzte immer lahm,
Wenn ich zu ihm spielen kam.
Später fand ich eine Frau,
Ihre Haare war´n schon grau,
Ab.
Doch sie hatte Kinderlein,
Ich wollt nie mehr alleine sein.
(Aus dem Film „Asterix, der Gallier“)
Kücheneinrichtung – modern. Antigone sitzt am Tischende und schlürft einen Kaffe. Im Morgenmantel. Finsterer Gesichtsausdruck. Vor ihr liegt eine Zeitung, in die sie hineinstarrt.
Morgen.
Morgen.
Du bist heute Nacht spät nach hause gekommen.
Bin ich nicht.
Aber ich habe dich im Flur gehört, es war sicher schon Mitternacht durch.
Ich bin gestern früh zu Bett gegangen. Ich war nur mal kurz am Klo. Frag doch die Amme.
Ich kann es beweisen. Ich habe die Tür mit einem Haar versiegelt. Wenn es weg ist, dann warst du draußen.
Dann schau doch nach.
Er ist noch da.
Kommt wieder herein.
Sag ich doch.
Aber wer hat dann Polyneikes bestattet?
Niemand.
„Kreons Gebot schon 48 Stunden nicht gebrochen.“ Aber Anti...
Sie schreiben, daß die Wahrscheinlichkeit, daß es jemand noch
wagt, Polyneikes zu bestatten, stündlich singt. Aber in Wirklichkeit ist sie gleich null, da ich es nicht tun werde und ihr sicher keinen anderen Deppen findet.
Anti, wieso?
Sucht nach Worten.
Wieso denn das jetzt? Es war doch immer klar, daß du... Ich meine, es gab schon verschiedene Varianten, aber du hast doch immer...
Ich will aber nicht mehr.
Aber bedeuten dir die Götter denn gar nichts mehr? All die großen Reden von wegen „mithassen und mitlieben“? Hast du das alles Vergessen?
Nein, so denke ich immer noch, aber ich möchte einfach auch mal leben.
Dann kannst du ja danach fliehen. Es dürfte doch kein Problem sein, in den Wirren dieses Griechenlandes unterzutauchen.
Ich möchte aber nicht untertauchen, ich möchte ein Leben führen wie jeder andere auch: Frei und ungezwungen.
Du wirst nie ein normales Leben führen.
Lächelt in ihre Kaffeetasse.
Was soll das heißen? Willst du mir das verbieten? Was kann mich davon abhalten? Ich bin ein junges hübsches Mädchen, ich habe einen Liebhaber, ich habe Freunde und alles, was ich mir wünschen kann. Wie willst du mich an meinem Leben hindern?
Ich könnte zum Beispiel Polyneikes bestatten. Es wäre vollkommen klar, daß du das warst, ich müßte es nicht einmal bestreiten. Es würde nur auffallen, daß du die Tat plötzlich nicht mehr gestehst. Aber was soll´s : Eine neue Variante. Da kann man damit klar kommen, solange nur alles in einer Felshöhle endet.
Während Ismene spricht ist Antigone aufgestanden. Nun greift sie Ismene an. Sie ringen am Boden und werfen sich Worte an den Kopf wie: „Das wirst du nicht tun“, „Du hinterhältige Schlampe“, „Ich krieg dich schon dazu, nicht aus der Rolle zu fallen“. Zum Ende hin mehr und mehr Schimpfworte. Schließlich springt Ismene auf, reißt Antigones Morgenmantel herunter und rennt aus dem Zimmer.
Antigone bleibt zunächst in Unterwäsche liegen. Dann steht sie auf und trinkt ihren Kaffe im Stehen aus. Sie legt ihre Tasse in die Spüle. Dann nimmt sie ein kleines Fläschchen aus dem Küchenschrank, gießt etwas davon in Ismenes Kaffe und geht.
Nach kurzer Zeit kommt Ismenes herein, Antigones Morgenmantel um den Hals gelegt, setzt sich, liest Zeitung und trinkt ihren Kaffee. Heimon tritt ein.
Morgen.
Morgen, Heimon.
Weißt du, wo Antigone ist?
Ich nehme an, daß sie in ihrem Zimmer ist.
Weißt du schon, was passiert ist? Antigone will Polyneikes nicht bestatten. Na, wie findest du das? Das ist doch unerhört. Ich kann es einfach nicht fassen.
Ich verrate dir was:
Sie hat mir gesagt, daß sie es doch tun wird, aber sie möchte etwas Spannung in die Sache bringen, deshalb zögert sie es etwas hinaus und sagt allen, daß sie es nicht tut. Aber sag ihr nicht, daß ich dir das gesagt habe. Ich hätte es nicht verraten dürfen.
Na, dann ist ja alles bestens. [Ich steh doch so auf meinen Selbstmord!] Ich gehe wohl wieder.
Ab. Ismene faltet die Zeitung zusammen, trinkt ihren Kaffe aus und geht (Richtung wie Antigone).
Nach kurzer Pause kommt Antigone – angezogen – herein, blickt in Ismenes Tasse und geht lächelnd nach draußen.
Straße. Der Eigang zu einer Spelunke. Rechts steht eine Prostituierte. Neonleuchtschriften blinken rot und grün in chinesischen Schriftzeichen. Erotisierende Tanzmusik dringt aus der Rotlichtkneipe. Plötzlich geht die Tür auf - Musik lauter - und Antigone fällt auf die Straße. Der Wirt taucht hinter ihr auf. Antigone ist sehr knapp bekleidet.
Wenn du dich nicht beherrschen kannst, dann bleib halt zu hause. Kotzt mir da die ganze Bude voll. Blödes Weibsstück.
Ab nach innen. Antigone bleibt unbewegt liegen.
Komm, steh auf, hier kannst du nicht liegenbleiben.
Komm schon.
Sie hebt Antigone auf.
Komm, bleib stehen.
Antigone bleibt lethargisch stehen.
Komm, wir gehen zu mir nach hause. Ich habe genug verdient.
Sie gehen in einen Hauseingang. Nun im Zimmer der Prostituierten. Sie legt Antigone auf ihr – breites – Bett, setzt sich.
Was ist denn los mit dir? Liebeskummer?
Antigone fängt an zu weinen und nickt.
Willst du einen Mann?
Antigone nickt.
Soll ich dir einen besorgen?
Antigone nickt.
Gut, aber ein bißchen wach mußt du schon sein.
Antigone nickt.
Hast du irgendwelche Vorlieben?
Antigone schüttelt den Kopf.
Also gut, ich besorg´ dir einen Mann.
Ab. Jetzt wieder die Straße. Kreon kommt sehr betrunken herein.
Na, mein Herr, wie wäre es mit einem Schäferstündchen?
Tut mir leid, schöne Frau, ihr seid mir zu alt.
Ich hab´ in meinem Zimmer eine ganz Junge, mit der könnt ihr machen was ihr wollt.
Wie jung?
Gerade so volljährig.
Also gut, machen wir das Geschäft.
Die Prostituierte führt ihn in ihr Zimmer. Kreon erkennt Antigone, sagt aber nichts.
Die ist gut. Laß uns alleine.
Prostituierte ab. Als Tür zufällt erwacht Antigone, erkennt Kreon und will schreien, doch dieser hält ihr den Mund zu.
So, heute gehörst du mir, das ist für die Umstände, die du mir gemacht hast.
Breite Straße Thebens. Menschenansammlung. Ein Kreis hat sich gebildet. Vorbeikommende Menschen bleiben stehen. Gemurmel.
Sie ist tot.
Gemurmel wird lauter.
Das ist der Fluch des Ödipus.
Sie wurde bestraft, weil ihr Bruder nicht bestattet wurde.
Es ist eine Erbschuld.
Erst wenn das gesamte Geschlecht Ödipus vom Erdboden verschwunden ist werden wir Ruhe haben.
Zustimmendes Gemurmel. Soldaten kommen und bewegen die Menschen dazu, weiterzugehen, diese tun das widerwillig. Der erst jetzt sichtbar gewordene Arzt steht auf. Neben ihm liegt die Leiche Ismenes.
Wahrscheinlich eine Vergiftung.
Mord?
Haben die Götter es nötig, zu morden?
Also ein Gottesurteil?
Es sieht so aus.
Verneigt sich und ab.
Oh, wie groß war die Sünde deiner Eltern, daß nicht einer von euch ein normales Leben führen kann! Unschuldig seid ihr und müßt doch büßen, daß Mutter und Oma für euch eins sind.
War schon ein Arzt da?
Ja, Herr, er sagt, es wäre ein Gottesurteil. Eine Weitere Sühne für die Sünden des Ödipus.
Hört das denn niemals auf?
Pause.
Laßt uns alleine.
Soldaten ab.
Oh, ich Armer, warum muß ich in einer solchen Zeit König werden?
Glaubst du an das Gottesurteil?
Ich weiß es nicht.
Die Leute sagen, sie hätte sterben müssen, weil sie ihrer Pflicht, den Bruder zu bestatten, nicht nachgekommen ist. Was sagst du dazu.
Dann hätten die Götter mich töten sollen. Ich habe es untersagt.
Ein Mensch sollte auf die Götter hören, auch wenn die Menschen ihn dafür verurteilen.
Oh du Arme, bist nun an meiner statt gestorben. So ändert sich die Geschichte immer rapider. Ich kann sie jetzt auch durch mein Opfer nicht mehr aufhalten. Ich habe die Geschichte gezwungen, eine Andere Bahn zu nehmen, und nun nimmt alles seinen Lauf.
Steht auf, geht zu Kreon, will ihn in die Augen blicken, er weicht aus.
Du kannst mir nicht mehr in die Augen blicken? Was belastet deine Seele?
Ironisch.
Durch meine Schuld ist Ismene gestorben, weil ich leben wollte. Warum machst du dir Vorwürfe? Du kannst ganz beruhigt sein, du wirst für deine Taten büßen, noch ehe der Mond einmal die Erde umkreist hat. Dafür werde ich schon sorgen.
Ab.
Was redet sie für wirres Zeug? Warum mußt du büßen? Für was?
Keine Angst. Der Schmerz um den Verlust ihrer Schwester hat wohl ihre Sinne gestört. Mir kann keiner an den Wagen fahren.
Hältst du dich für unangreifbar? Das war noch niemand.
Bürger Thebens, hört mich an. Euer, unser Herrscher ist nicht so redlich, wie er uns glauben machen will. Während ihr versucht, im Schweiße eures Angesichtes zu überleben, verpraßt er eure Steuergelder für Völlerei, Maßlosigkeit und Prostitution. Er hat, um seine Triebe zu befriedigen, nicht einmal davor zurückgeschreckt, mich zu vergewaltigen. Mich seine Nichte. Und er schmiedet Pläne, Theben in neue Kriege zu stürzen, um sich persönlich zu bereichern.
Hört mich an, Bürger Thebens:
Ich könnte als Mitglied der Königsfamilie ebenfalls diese Laster pflegen und gegen das Volk, aus dem ich entspringe, handeln, doch ich bin eine von euch. ich bin genauso Mensch wie ihr, und ich kann diese zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit nicht mehr mit ansehen. Kreon hat mich lange genug gezwungen zu schweigen, doch nun ist das Maß voll. Ich fordere euch auf : Wer von euch noch genug Würde und Courage hat, um es wehrt zu sein, ein Mensch genannt zu werden, der soll mich unterstützen, Kreon zu stürzen. Jeder von uns ist alleine machtlos, doch zusammen werden wir es vollbringen.
Und die Soldaten werden nicht auf eine Menschenmenge schießen, in der sich ihre Mütter und Frauen, ihre Söhne, Töchter, Brüder und Schwestern befinden.
Wir werden es schaffen.
Helft mir!
Helft euch!
Helft THEBEN!!!!
Einige Zeit den Sturz Kreons symbolisierende Musik. Die gesamte Bühnenrequisiten werden zerstört, nur durch sporadische Blitzlichter erhellt. Nach ca. 1½ min. wird Musik ruhiger, Licht heller, die Prostituierte tritt auf.
Ja, jetzt hebend wir ihn gestürzt, den stolzen Gockel. Es war die persönliche Rache Antigones, denn sonst hätte es ja keinen Sinn gehabt.
Die Soldaten haben nicht geschossen und Kreon ist freiwillig mit seiner Frau in´s Exil gegangen. Doch ich möchte gerne wissen, wie viele dieser Menschen ernsthaft glauben, daß es jetzt einen besseren Herrscher geben wird.
Antigone und Heimon haben geheiratet und er ist der neue Herrscher, ein junger Mann, ohne Erfahrung und Visionen, allein angestachelt durch die blinde Liebe zu Antigone, die ihn schamlos ausnützt für ihre eigenen Interessen.
Der Unterschied zu Kreon ist nur, daß es jetzt keinen wie Antigone mehr gibt, der die Massen bewegen kann.
Ab. Licht wieder schwächer, die Menschen bauen die Requisiten wieder auf.
Passende Musik. Stuhl in der Mitte und Links. Prostituierte kommt wieder herein, jetzt älter, setzt sich mittig und beginnt zu stricken.
Die Zeiten sind schlecht. Die fetten Jahre sind vorbei, und Räuber überfallen die Stadt. Es giebt Kriegsgerüchte. Heimon ist längst zur willenlosen Puppe Antigones geworden, doch das Volk glaubt noch, er würde sie beherrschen.
Hier sitz´ ich nun und frag mich : Was tun?
Ich merke, wie ich immer mehr zum gefangenen des Deltas werde, ein hilfloses Geschöpf, das wie ein Ping-Pong-Ball zwischen blutroten Wänden hin und her gerworfen wird.
Doch gleichzeitig lache ich zunehmend über eben dieses Gefängnis. Ich verachte es. Dadurch lösen sich die Wände zwar nicht auf, sie haben aber nicht länger eine solche Macht über mich.
Dies wäre ein schönes Bild, wenn es zutreffen würde. Die Wahrheit ist, daß ich ja nur durch meinen Geist gefangen bin, und durch ein herzhaftes Lachen darüber würden sich die blutroten Wände – welch schöne Metapher – augenblicklich auflösen.
Mein Lachen ist aber eher das eines Wahnsinnigen, der immer wieder gegen die Wände seiner Gummizelle läuft, bis sein Kopf instabil wird, sich zersetzt, zerfällt.
Und dann kommt die Idee.
Sie werfen ihm vor, daß er für die schlechten Zustände verantwortlich sei, doch er hat sie glauben gemacht, daß die Stadt sündig geworden sei und behauptet, Theresias mit der Aufklärung zu beauftragen. Theresias war zu der Zeit Kreons ein blinder Seher, der große Weisheit besaß, doch er ist schon lange tot – obwohl er ein biblisches Alter erreichte.
Heimon beginnt zu lachen.
Antigone hat seinen Tod geheim gehalten, um in seinem Namen Dinge verkünden zu können. Doch nun hat sich zum ersten Mal Heimon dieses Phantoms bedient. ich bin gespannt, was er zu verkünden hat, er selbst kann doch höchstens in Saumagen lesen.
Heimon verstärkt sein herzhaftes Lachen und fällt schließlich vom Stuhl. Er rafft sich auf und geht lachend nach draußen.
Mein Geschäft geht schlecht. Zu viele, die das schnelle Geld schätzen und zu wenige, die Geld haben. Ich bin auch zu alt. Nur ein paar Perverse kommen noch zu mir, die auf runzlige Titten stehen. Aber ich bin froh, wenn ich überhaupt noch was verdiene.
Während des letzten Absatzes ist Licht schwächer geworden. Am Schluß ganz aus.
Schlichter Thronsaal. Heimon kommt herein, Sand klebt an seinen Hosen und Stiefeln. An der Tür halten zwei Soldaten Wache.
Wo ist Antigone?
In ihren Gemächern. Sie wollte ein Bad nehmen.
Bring sie zu mir. In Handschellen. Und zieh ihr nur irgendein Laken über.
Soldat ab. Zum Zweiten Soldaten.
Kennst du einen Veteran, der damals Polyneikes´ Leiche bewacht hat?
Ja, mein Vater war dort.
Ist dein Vater gesund?
Kerngesund!
Dann geh mit ihm zu der Leiche, sie liegt immer noch dort, ihr werdet aber nur noch Knochen finden. Eigenartiger Weise haben die Tiere ihn nicht vollständig verwüstet. Sammelt alle Knochen ein und bringt sie mir.
Ja, Herr.
Ab. Pause. Heimon setzte sich auf den Thron. Soldat I zerrt Antigone herein, die noch naß, sie trägt eine Trainingsanzugshose und oben nur einen Laken. Evt. trägt Antigone eine Heimon Maske. Hinter ihnen geht die Prostituierte mit herein. Heimon steht vom Thron auf um Antigone gegenüberzustehen, die Prostituierte setzt sich dort.
Im Folgenden sprechen Antigone und Heimon nicht mehr selbst, nur die Prostituierte bewegt synchron die Lippen. Die Stimmen von Heimon und Antigone kommen über Lautsprecher vom Band. (evt. kann die Prostituierte auch beide Rollen wirklich sprechen, um diesen Effekt noch zu verstärken. In jedem Fall aber machen Heimon und Antigone die passenden Gesten, die Prostituierte überhaupt keine.)
Die Rollen werden aber weiterhin als Antigone und Heimon angegeben.
Was erlaubst du dir?
Sie wollte nicht mitkommen, aber ich habe nicht mit mir reden lassen.
Gut. Kette sie da einen Stuhl und laß uns alleine. Und gebt bekannt, daß ich in zwei Stunden auf dem Marktplatz zu meinem Volk sprechen werde.
Baut dort einen Scheiterhaufen auf.
Soldat I kettet Antigone an und geht.
So, mein kleiner Engel.
Streichelt über ihre Wange, sie zieht den Kopf weg.
Du hast wohl gedacht, du hast mich in der Hand. Du glaubtest wohl, die Überfälle sein durch meine schlechte Politik entstanden. Tja, ich werde dir nun meinen Plan verraten:
Ich habe natürlich gemerkt, daß du Polyneikes nicht bestattet hast, wie es deine Pflicht gewesen wäre. Du warst zu machthungrig, hast an nichts anderes gedacht. Dachtest, du würdest Theben alleine beherrschen.
Ich hab dich in diesem Glauben gelassen, um meinen eigenen Plänen nachgehen zu können. Ich habe meine besten Soldaten ausgewählt, um Raubüberfälle durchzuführen. Du dachtest wohl, die Idee mit Theresias wäre von dir gekommen, in Wirklichkeit habe ich sie dir eingeflößt. Und dies alles hatte nur einen Sinn: Ich wußte, du würdest mich genauso abservieren wie Kreon, wenn ich versuchen würde, selbst die Macht über Theben auszuüben.
Du bist schlimmer als ich.
Nein, ich bin König, und ich versuche nur, meine mir zustehende Macht zu erhalten.
Diese Macht hast du durch mich erhalten.
Ja, aber da sie mir nun einmal zustand, war die Versuchung einfach zu groß, sie richtig schamlos auszunützen.
Und was hast du jetzt vor?
Zuersteinmal möchte ich dir eine Urinprobe entnehmen. Für meine Sammlung.
Antigone blickt ihn eisig an, Heimon spannt den Bund ihrer Hose und hält ihr ein schweres Whisky Glas zwischen die Beine. Nichts tut sich.
Du wirst sterben. Ich werde dich zusammen mit der Leiche des Polyneikes bei Lebendigem Leib verbrennen.
Diese Leiche ist doch längst weg, verwest, zerstreut.
Ich habe extra eine ausgegraben. Sinnvollerweise die von seinem Bruder Etheokles.
Du hast an alles gedacht.
Das habe ich von dir gelernt. Du wirst sterben.
Plötzlich hört man Wasser plätschern und Antigone stöhnt auf, Heimon holt das Whiskyglas aus ihrer Hose heraus, nun ist es mit Urin gefüllt. Lacht. Er stellt das Glas ab, stellt davor ein kleines Photo von Antigone.
Hübsch, nicht wahr?
Aber du brauchst keine Angst zu haben. Ich habe eine Frau dazu überredet, das heißt, ich bezahle sie dafür, daß sie dich ersticht, um dir die Qual des lebendig verbrannt Werdens zu ersparen.
Ich hab schon mit Theresias geredet, die Götter werden dein Opfer trotzdem akzeptieren, da das eine Tat aus Menschenliebe war.
Und wenn die Schuld, die du auf Theben geladen hast, ersteinmal gesühnt ist, dann werden die Raubüberfälle schlagartig aufhören, und kein Mensch wird mehr von Krieg sprechen. So ein Zufall.
Jetzt sterbe ich, weil ich Polyneikes nicht beerdigt habe.
Ja.
Wir hätten beide sterben sollen, damals.
Bringt sie weg.
Soldat herein, führt Antigone hinaus.
Macht.
Macht ist etwas unglaublich faszinierendes.
Wie schön, wenn man als Herrscher noch Untertanen hat, die einem glauben, was man ihnen sagt. Denn eins sollte man wissen:
Macht ist die Angst der Anderen.
Sie stößt ihm ein Messer in den Rücken, er bleibt stehen.
Und mit der Angst schwindet die Macht.
Sie wirft ihn um, er fällt steif.
Jetzt könnte man Antigone retten, doch wenn der König tot ist, warum sollte man die Königin behalten?
Nimmt Antigones Urinprobe, hebt das Glas.
Ein Hoch auf das furchtlose Volk!
Trinkt aus, wirft das Glas auf den Boden. Ab.