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Wohnungssuche

Diese Geschichte entstand während meiner Wohnungssuche in Berlin Herbst / Winter 2001. Ich habe den Gedanken, nach Berlin zu ziehen, noch im Frühjahr 2002 aufgegeben, also wird hier jetzt nichts mehr fortgesetzt. Die Texte, die sich an diese hier anschließen, sind unter Abschied von Berlin zusammengefasst.

1. Teil

Die Frau, die die Wohnungen verteilt, kennt mich schon, begrüßt mich lächeln und sagt „Guten Tag mein Herr“, aber ein wenig gefrohren wirkt es schon. Na gut, auch ich fühle mich nicht warm, die Temperaturen kletterten schon lange nicht mehr über -10°C, und Heizen ist Luxus. Nicht, daß es sich die Leute, bei denen ich nächtigen darf, nicht leisten könnten, doch den ganzen Tag auf den Straßen unterwegs zu sein, vielleicht mal irgendwo in einer Spelunke einen Kaffe zu trinken, macht fertig. Ich frage mich, während ich mir das geräumige Bad betrachte und das Kontrollinstrument bewundere, das die Heizung reguliert, ob ich mir diese Wohnungen nicht nur anschaue, um mal wieder ins Warme zu kommen. Durch ein kleines Loch in der Front des Boilers sehe ich eine blaue Gasflamme, die Wärme versprüht.

Kurzzeitig fühle ich mich zuhause, aber wie ein Mann, der hilflos zusehen muß, wie seine Frau eine Fehlgeburt nach der anderen hat, habe ich aufgehört, dieses Gefühl anzunehmen. Ich versuche die gedanken zu verdrengen, die Phantasien, wie es wäre, in diesem Zimmer einzuschlafen, und in diesem Zimmer aufzuwachen. Ich sehne mich danach, zum ersten Mal einen Tee auf einem eigenen Herd zu machen. Ins eingene Klo zu scheißen. Leute klingeln zu lassen, wenn sie zu mir wollen, und nicht antworten, sondern nur schweigend auf der Matratze – meinem einzigen Möbel – zu sitzen und die kahle, nackte Wand anzustarren, meine eigene.

Vielleicht sollte ich die Gewohnheit, laut „Ich geh´ jetzt“ und „Ich bin wieder da“ zu rufen, wenn ich gehe oder komme, nicht aufgeben, um mich jedesmal wieder daran zu erinnern, daß niemand da ist, den das interessiert.

Oder sitzen sie doch noch in ihren Löchern, die kleinen Unholde, die mir das Leben schwer zu machen versuchen, die versuchen, eine Ordung in mein Chaos zu bringen, mit der ich nichts anfangen kann. Vielleicht leben sie in den Dingen selbst? Kann man sie durch Kälte töten?

Ich trage meinen gesamten Hausrat am Körper. Das zeigt, daß Menschen in warmen Regionen weniger brauchen, als die in den kalten, denn je kälter es ist, um so mehr Taschen hat man in der Kleidung, die man mit mehr oder weniger wichtigen Dingen vollstopfen kann.
Eine Bestandsaufnahme:

Links oben: 2 MD´s und ein Fahrschein, ein kleiner Block.

Links mitte: Ein stadtplan, ein Briefumschlag mit kleinen Zetteln, die Speisekarte eines Pizza-service, eine volle Schachtel Camel, die ich nicht rauche, ein Telephon.

links unten: zwei Packen lange Blättchen, ein kleiner Kanten Haschisch, ein Feuerzeug, 80 Pfenninge.

Rechts oben: ein MD-Recorder, Kopfhörer, eine leere Schachtel American Spirit, ein Fahrschein, nochmal lange Blättchen.

Rechts mitte: 24 Kuverts, Geldbeutel mit viel Kram darin.

Rechts unten: ein Stift.

Hinten habe ich nichts.

Brauche eigentlich nur noch ein Bad & eine Heizung, dann ist alles klar.

2.Teil

Irrte heute in den Straßen umher, war von der Tatsdache, daß die einzigen beiden Buden, die ich mir anschaun konnte, zur gleichen Zeit Besichtigung hatten, durcheinander gebracht. Sie lagen sogar nahe beieinander, aber nicht nahe genug, als daß ich es geschafft hätte, mir beide anzuschauen - oder vielleicht doch?

Heute hat es zum ersten Mal geregnet, seit ich hier bin, aber es ist mir gar nicht aufgefallen. Das Wetter war immer so schlacht, daß ich vergessen hatte, daß es ja auch nocht regenen konnte. Hab mich dann für eine Wohnung entschieden, weil sie in der Straße liegt, in der auch eine Freundin wohnt, näher an meinen Energiepunkten – obwohl...

Eigentlich habe ich überall in dieser Stadt schon solche Punkte gefunden, auffällige & unscheinbare. Manche versteckt, andere werden beworben. Ich sitze wieder einmal in einem sochen, eine Bar mit einem Namen, der keiner ist, einem Barkeeper, bei dem man sich nicht vorstellen kan, daß er einmal anders ausgesehen hat als gerade jetzt, Kerzenlicht, Araber, rote Vorhänge, tiefe Sofas, drückender perkussiver Sound, Menschen, die micht nicht betrachten.

Was machen all diese Menschen, daß sie an einen Dienstag Abend hier sitzen können? Ich wünschte, ich hätte eine Wohnung, in der ich mich einschließen könnte, mit dicken Schallschutzfenstern etwas Musik, die den Rest der Außenwelt übertönt. Frieden. Und jetzt sitze ich hier in dieser Kneipe, und trinke den ersten Absinth meines Lebens. Hab mich etwas ungeschickt angestellt, man sollte irgendwie eine art Feuerzangenbowle auf einem Teelöffel hinbringen, aber so richtig funktioniert hat es nicht. Werde wohl noch einen Trinken müssen. Verändert schon irgendwie.

Ich haße ja Anis – Uzo ist mir ein Graus – aber irgendwas in dem Absinth hat mir doch geschmeckt. Ich hoffe ja immernoch, daß die Bedienung mit den roten Zöpfen und den schönen Brüsten kommt, sie hat so nett gelächelt, aber sie hat heute wohl frei.

Ich glaube, mir sind die Menschen in dieser Bar zu schön, ich fühle mich doch nicht so wohl, wie ich anfangs dachte. Die Leute scheinen sich zu amüsieren, ich tue das nicht. Ich sehne mich nach gesteigertem Bewustsein und werde mit Alkohol abgespeist. Es sollte gelingen, die Trinkwasserversorgung auf der ganzen Welt auf unbestimmte Dauer mit LSD zu versetzen, das würde mal eine Form von evolutionärer Selektion einleiten, die zu besseren Menschen führen würde.

Freilich würden vorher furchtbar viele Menschen sterben, Frauen im Kindbett, Behinderte, aber auch die Big Bosse wären betroffen. Denn mit Geld kann man nur Macht über Menschen ausüber, die an Geld interessiert sind.

Alles Blödsinn, ich will ja eigentlich garnicht für eine bessere Welt kämpfen, ich will nur ab und zu meinen Senf dazugeben. Das ist vielleicht das einzige Menschenrecht, für das ich wirklich kämpfen würde. Meinungsfreiheit! Schönes Wort, bedeutet in der modernen westlichen Gesellschaft, frei von jeder Meinung zu sein und einfach zu tun, was Bärbel Schäfer sagt.

Witziges Liebesspiel am Tisch gegenüber: Sie tasten gegenseitig ihre Hände ab, die dabei bizarre Formen annehmen. Sie scheint aber ein paar Dinge wissen zu wollen, stellt immer wieder Fragen, die ich nicht verstehe. Jetzt hat sie aufgehört und legt sich mit geschlossenen Augen zurück ins Sofa, läßt sich küssen, scheint es zu genießen. Am Tisch nebenan stehen ein paar Typen auf, sie schreckt hoch und windet sich aus seiner Umarmung, er ist gerade voll in Fart, und möchte sich nicht ablenken lassen, doch sie verliert zusehens das Interesse.

Jetzt war ich kurz am Klo, und sie sind weg.

Ich habe meine Sitzplatz gewechselt und hoffe, daß ich hier neue Menschen entdecke ... „and feeling like someone in love“. Schönes Lied, wenn dazu die Bremslichter eines Benz aufleuchten und lautes Quitschen zu hören ist. Erstaunlich, wie wenige Probleme man haben muß, um zu denken, man hätte welche. Meine ganze Hoffnung ist momentan eine kleine 1-Zimmer-Wohnung in der Petersburger Straße, Quergebäude, 4. Obergeschoß, mit saniertem Bad und Gasetagenheizung – und ein kleines Mädchen in Bayern bei dem sich rechts unterhalb das Mundwinkels ein bezauberdes Grübchen bildet, wenn sie lacht – und sie lacht viel – und sie säuft mich unter den Tisch, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Nett: Als ich den Platz gewechselt habe, haben sich gleich zwei junge Schönheiten dort niedergelassen. Was mag das wohl für einen Grund haben – hat es überhaupt einen – hat nicht alles (k)einen Grund? Sollte ich mir darüber Gedanken machen?

Ist schon lustig, daß ich mehr als die Hälfte meines Tages damit verbringe, Gift aufzunehmen, und der Umzug in eine Großstadt erhöht diesen Anteil nochmal. Ich stehe an großen Straßen und atme diese Luft, bei der mir immerhin noch auffält, wie schlecht sie ist.

Ich erinnere mich noch, wie ich zum ersten Mal 1986 nach Berlin kam. Wir besuchten diese Ausichtsplattformen, von denen aus man in den Ostteil der Stadt blicken konnte. Den Begriff „Aussichtsplattform“ haben sicher die Kommunisten geprägt, nach ihrem Weltverständnis waren das ja unsere Aussichten. Und dann sind wir hinüber. Ich kannte das nicht wirklich, daß man über eine Grenze geht – zu Fuß – und die Grenzer an beiden Seiten sprechen dieselbe Sprache – oder zumindest die gleiche.

Und dann dieser Geruch! Die ganze westliche Propaganda gegen die kommunistische Welt war falsch angelegt! Man hätte die Leute nur einmal am Auspuff eines Trabies richen lassen müssen, und sie hätten alles getan, um nicht in dieser Welt leben zu müssen. Was nützt mir ein Kindergartenplatz, wenn meine Kinder diesen Geruch als normal begreifen?

Allerdings ist das Trambahnnetz im Osten nicht zu verachten. Und es wurde ja sogar erweitert, wenn mich nicht alles täuscht: Die Linie 20 fährt jetzt eine Station weiter bis zur U-Bahn Warschauer Straße*). Na gut, ich war damals neun Jahre alt, und politische Systeme hatten nicht die Kraft, eine Wirkung in mir hervorzurufen. Heute ist es meist Ablehnung.

*) Hat sich als Fehler herausgestellt