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Virus

Dies sollte der Anfang eines Buches werden, daß ich wohl nie schreiben werde, aber ich finde es trotzdem gut formuliert. Mir gefallen die Gedankengänge einfach, deshalb lasse ich es drinnen.


Ich bin froh, daß ich das alte Berlin noch kannte, daß Berlin der Mauer, das Berlin der Hausbesetzer, das Berlin der größten Baustelle Europas am Potsdamer Platz. So konnte ich miterleben, wie sehr - oder wie wenig - die vielleicht bedeutensten politischen Ereignisse des ausgehenden 20 Jahrhunderts diese Stadt, die sie am unmittelbarsten erfahren hat, verändert haben. Die alten Städte verändern sich, aber sie sterben nicht aus. Was bringt Leute dazu, genau dort eine Stadt zu bauen, wo sie es immer wieder getan haben? Warum nicht fünfzig Kilometer weiter links?

Das Gefühl, daß sich etwas ändern mußte, hatte uns alle vor langer Zeit schon ergriffen, und ich wage nicht zu sagen, ob dies ein normaler Zustand während der Pubertät ist, oder ob es in den Kreisen, in denen ich mich bewegte, besonders ausgeprägt war, aber bei mir hörte dieses Gefühl mit zunehmendem Alter nicht auf. Vielleicht war ich auch prädestiniert dafür, diese Aufgabe durchzuführen, ein mittelmäßiger Schüler, der aber ohne größere Anstrengungen das Abitur schaffte, immer schon sowohl naturwissenschaftlich als auch philosophisch-geisteswissenschaftlich interessiert, und in beiden Richtungen mit der Gabe gesegnet, ungewöhnliche Gedanken zu denken. Wie oft mußte ich Sätze hören wie: „Wie kann man nur so denken?“ oder, wenn man es etwas zarter ausdrücken wollte: „Das ist jetzt aber sehr weit hergeholt!“

Ich glaube nicht, daß viele meiner Gedanken, die ich in meiner Jugendzeit nur ansatzweise zu formulieren in der Lage war, von meinem Umfeld verstanden wurden, doch ist es jetzt müßig, sich darüber Gedanken zu machen.

Ich nahm die Welt im vorübergehen war, habe mich nie wirklich für sie interessiert, sie aber auch nie abgelehnt. Nachrichten hörte ich im Radio, während ich Auto fuhr, es wäre mir nicht eingefallen, dafür Zeit zu opfern, in der ich auch etwas anderes hätte tun können. Ich würde sagen, daß ich gerne zwei Sachen gleichzeitig getan habe, eine aktive und eine passive. Geben und nehmen. Und so bekam ich doch viel mit, was in der Welt passierte, ohne in Lethargie zu versinken, wie das bei so vielen meiner Zeitgenossen der Fall war.

Die Idee für das, was ich jetzt sehe, wenn ich aus meinem Fenster blicke, kam mir Anfang des Jahrhundert, es muß 2001 oder 2002 gewesen sein, als gerade wieder ein Krieg in Afghanistan geführt wurde, die Politiker der ganzen westlichen Welt nach härteren Strafen und mehr Überwachung schrieen – mit Ausnahme des italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi, der selbst so korrupt war, daß er die Strafverfolgung wohl am liebsten abgeschafft hätte – und es gelang ihnen, die Bevölkerung davon zu überzeugen, daß der Verzicht auf Grundrechte ein Mehr an Sicherheit bedeuten würde. Eine witzige Theorie, wenn man bedenkt, daß Verbrechen immer existent war, und es keine Staatsform geschafft hat, die Kriminalität wirksam zu bekämpfen. Egal, wer an der Macht ist, die Gefängnisse sind immer voll. Daß es aber in der Tat gelungen zu sein schien, die Gefahr, die den Bürgern vom Staat selbst drohte, zu vermindern.

Gleichzeitig hörte ich die Nachricht, daß nun immer mehr Depressionen erfolgreich mit Psychopharmaka bekämpft wurden, daß man also auch in diesem Bereich von der Ursachenforschung zur Symptombekämpfung übergegangen war - oder besser gesagt das Symptom nun als Ursache ansah. Mir wurde in dieser Zeit klar, daß eine Verbesserung der Welt nicht durch eine Revolution im politischen Sinne erreicht werden konnte, sondern daß eine tiefergreifende Veränderung in der Seele des Menschen zu erfolgen hatte. Ich begann mit der Forschung an einer Lösung für dieses Problem im Herbst 2003, wenn auch die gedanklichen Experimente schon weit länger zurückliegen. Ich würde fast behaupten, daß mein ganzes bisheriges Denken auf die Lösung dieses Problems ausgerichtet war, denn in der Tat war es nötig, absolut unkonventionell zu denken und den bis dahin geltenden Begriff von Wirklichkeit abzulösen.