Screen Style | Print Style
Screen Style | Print Style edit | admin © 2004 Thomas Forster <www.forestfactory.de>
© by Thomas Forster (www.forestfactory.de)

Die Sanfte Seele

Die sanfte Seele ging dereinst auf einer Blumenwiese Blumen betrachten, Blumen riechen, und sie fand eine, die schön war, aber nicht roch.

Da war die sanfte Seele betrübt und grub die Blume aus, mitsamt den Wurzeln, und trug sie nach hause. Ga ihr den schönsten Platz am Fenster und pflegte sie gut, gab i9hr alles, was sie brauchen oder wünschen konnte und sprach mit ruhigen Worten, und sprach darüber, wie es ist, zu riechen und gerochen zu werden. Sprach von den schönen Düften, von den Frauen, die begehrt wurden, nur weil sie gut rochen, und wie sich dieser Duft veränderte, wenn sie selbst begehrten. Von Hunden, die an allem rochen, und einem Geruch hunderte Kilometer nachlaufen konnten. Davon, wie ein einzelner Duft Erinnerungen an früheste Kindheit wieder hervor holen konnte.

Die sanfte Seele investierte viel Zeit in die Blume, und verlor Freunde, weil sie keine Zeit mehr hatte, die Freundschaft zu pflegen. Sie parfümierte sich stark, um der Blume vorzumachen, wie es war, wenn man roch. Doch die Blume roch nicht. Da begann die sanfte Seele, alle Gerüche aus dem Zimmer zu verbannen, um sofort zu riechen, wenn ein Duft auftauchte. Sie duschte sich vier Mal am Tag, um auch selbst nicht zu riechen, und schmiß die alten Holzmöbel auf den Müll, die diesen herrlichen ganz eigenen Duft hatten. Und die Schreibmaschine wegen ihres Farbbandes und die Kaffeemaschine sowieso. Bett und Teppich, Gewürze und Bücher, nichts durfte dort bleiben. Sie schlief auf dem nackten Boden, und Nachts wachte sie auf, mit schweiß auf der Stirn, und ging sich waschen.

Fremde durften nicht mehr kommen, und lüften wollte sie auch nicht mehr, die Luft hatte so einen eigenen Duft. Alles hatte einen Duft, nur die Blume nicht, sie roch nach nichts. Und als es die sanfte Seele leid war, zu warten, holte sie eine Flasche Rosenwasser und sprühte die Blume an. Dann setzte sie sich daneben und genoß es, an ihr zu riechen. Nach ein paar Tagen war der Duft vergangen, und die sanfte Seele besprühte sie wieder. Doch die Blume vertrug den Duft nicht, und nach und nach verlor sie ihre Blätter und ging ein. Und als sie schon schwarz war bemerkte die sanfte Seele, daß sie einen Geruch verströmte, nach Tod und Verwesdung. Sie nahm die tote Blume und warf sie auf den herrlich duftenden Kompost.

Dann ging sie in die Welt hinaus und entdeckte viele neue Düfte.