Vor langer Zeit, als der Mond noch sehr nah an der Erde ward, lebte in einem fernen Land jenseits des großen Gebirges ein König, dessen Reich so groß war, daß all seine Untertanen nicht ausgereicht hätten, seine Grenzen zu schützen. Da aber auch weit und breit keine feindlichen Völker lebten, war es auch gar nicht nötig, sie zu schützen, und so lebten alle sehr glücklich und gingen zufrieden ihrem Tagwerk nach.
Der König ward indes sehr reich, und täglich trafen aus seinem riesigen Reich neue Wagenladungen mit Steuern, und obwohl die Steuern nicht hoch waren, so daß sie von allen gerne bezahlt wurden, hatte der König genug übrig, um immer reicher zu werden. Wohlgemerkt: diese Reichtümer hatte er nicht zu seinem eigenen Vorteil, er sammelte sie nur um in Notzeiten der Bevölkerung beistehen zu können, und wann immer sein Volk Hunger litt, kaufte er Getreide, damit es Brot backen konnte, und schenkte jedem zwei Eier pro Woche.
Doch es gab in den Schatzkammern des Königs einen Stein von nie gesehener Größe, einen lupenreinen Diamanten, der dem König mehr bedeutete als alle anderen Schätze dieser Welt, den er selbst hatte ihn gefunden, als er in seiner Jugend im Großen Gebirge herumgewandert war, lange bevor er König geworden war. Viele hatten schon vor ihm versucht, diesen Stein zu bekommen, doch er erwies sich als zu schwer, als daß ihn einer hätte tragen können. Auf einer Steintafel stand geschrieben, daß ihn nur der rechtmäßige Besitzer heben könne. Und der König hatte ihn hochheben können.
Jeden Tag öffnete er die Große Eiserne Tür, hinter der der Stein lag, nahm ihn heraus und setzte sich mit ihm an sein Turmfenster, um hindurchzuschauen und durch ihn sein Reich zu sehen. Nur so konnte er bis an die Grenzen seines Reiches blicken, denn der Stein besaß die Kraft, weit entferntes als nah zu zeigen. Und wann immer er Unrecht sah, schickte er seine Getreuen hinaus, um den Bedrängten zu helfen und die Gesetzlosen zu bestrafen.
Eines Tages, als er wieder viele Stunden an seinem Fenster gesessen hatte, ging er zurück zu der Großen Eisernen Tür und öffnete sie, um den Stein zurückzulegen. Da sah er neben der Stelle, an der der Stein liegen sollte, eine kleine Maus sitzen. Sie putze sich gerade ihr Gesicht mit den Pfoten, und sah ganz so aus, als würde ihr dieser Ort gehören. Der König ward sehr erstaunt, den niemand ward jemals hier eingedrungen.
„Wie kommst du hier herein?“, fragte er streng die Maus, die nun, als sie den König bemerkte, mit putzen aufhörte. Sie lachte.
„Na, durch mein Mauseloch!“, antwortete sie, „wie denn sonst?“
Der König war erstaunt, und er befahl der Maus, ihm ihr Mauseloch zu zeigen, was sie auch tat, und tatsächlich war unter der Kommode, auf der der Stein ruhen sollte, ein kleines Loch in der massiven Wand aus großen Steinen. Da wurde der König sehr wütend und herrschte die Maus an, sofort das Loch wieder zu verschließen und nie mehr hierher zu kommen. Die Maus antwortete ruhig:
"Wie willst du einer Maus verbieten, war der Maus ihres ist? Um dieses Loch wieder zu verschließen, müßtest du alle Mäuse in deinem riesigen Reich töten, denn ansonsten würde immer eine Maus dieses Loch finden und hindurchkommen."
Da trat der König auf die Maus, und quiekend starb sie unter seinen schweren Stiefeln. Dann holte er seinen Steinmetz und befahl ihm, das Loch zu stopfen, so daß nie wieder eine Maus in dieses Zimmer kommen könne.
Der Steinmetz nahm sich viel Zeit, und er stopfte das Loch nach allen regeln der Kunst, und als er fertig war, ward der König sehr zufrieden, und endlich konnte er seinen Stein wieder auf die Kommode stellen, wo er von jeher gestanden hatte.
Lange Zeit verging nun ohne daß etwas den König bei seinen Geschäften gestört hätte, und sein Land wurde von Jahr zu Jahr prächtiger und reicher, und alle liebten ihren König und feierten ihn und ließen ihn hochleben. Und es gab keine Schenke im ganzen Land, in der nicht mindestes einmal jeden Abend auf den König angestoßen wurde.
Doch eines Morgens, als der König wieder seinen Stein holen wollte, war der ganze Raum voller Mäuse, die sie gegenseitig jagten, spielten, putzten, an den kostbaren Decken knabberten und durch den Stein blickten. Jene, die in den Stein blickten, schienen zu lachen, und kugelten sich am Boden.
Da schrie der König fürchterlich, und blitzschnell verschwanden alle Mäuse in vielen Löchern, die in den Wänden des Zimmers waren. Schnell griff der König nach seinem Stein und rannte aus dem Zimmer. Er schloß sich in seinen Schlafgemächern ein und drückte den Stein ganz fest an seine Brust, auf daß niemand ihn berühren konnte. Wenn seine Diener oder seine Minister kamen, um zu fragen, ob sie etwas für ihn tun könnten, oder um einen Rat bezüglich der Regierungsgeschäfte einzuholen, schickte er sie weg, denn er dachte nur daran, wie er seinen Stein schützen könnte.
Er konnte nicht mehr schlafen und nicht mehr essen, er ging ziellos in seinem Zimmer herum und versuchte, auf eine Lösung zu kommen, als er eines Nachts an das kleine Fenster seines Schlafgemachs trat und draußen groß den Mond sah. Da wußte er plötzlich, wo er seinen Stein aufbewahren konnte, ohne daß in je einer stehlen könnte. Und er rief die besten Handwerker des Landes zu sich, damit sie ihm einen Turm bauten, der bis zum Mond reichte. Die Handwerker sahen sich verblüfft an, denn so etwas hatte noch keiner versucht, aber es waren die besten, die gewohnt waren, Dinge als erste zu versuchen, und so entwarfen sie Pläne, wie ein solcher Turm aussehen könnte. Und sie wurden sehr reich, denn der König entlohnte sie großzügig für ihre Bemühungen, und kaum ein Jahr später konnten die Bauarbeiten endlich beginnen.
Viele junge Männer aus dem ganzen Land kamen, um eine Arbeit auf dieser Baustelle zu finden und gutes Geld zu verdienen, und so wuchs der Turm täglich sichtbar in die Höhe, und der König kam vorbei und stieg des Nachts auf die Spitze, seinen Stein bei sich, und blickte hindurch. Doch er schaute nicht länger auf sein Reich, sondern auf den Mond, der so schon viel näher wirkte, als er in Wirklichkeit war.
Zehn Jahre dauerten die Bauarbeiten, und dem Land ging es immer schlechter. Den Bauernhöfen fehlten die jungen Männer, die auf der Baustelle arbeiteten, den Handwerkern in den Dörfern die Lehrlinge, und so konnten sie immer weniger Steuern zahlen. Der König mußte die Löhne für die Bauarbeiter kürzen, und einige entlassen, doch diese gingen nicht zurück in ihre Dörfer, denn sie hatten sich an das Leben auf der Baustelle gewöhnt, und so lungerten sie herum, bettelten oder stahlen, um auch von etwas Leben zu können. Als der Turm fertig war, erklärten die Architekten dem König, daß er nun einmal jede Nacht auf den Mond könne, jedesmal, wenn an dem Turm vorbeikam. Und der König stieg hinauf, und als der Mond langsam vorbeikam, drückte der seinen Stein fest an sich und sprang hinüber.
Einen Tag lang kreiste er um die Erde, und er blickte durch seinen Stein auf die Erde hinunter, um wieder die Bedrängten zu retten und die Gesetzlosen zu bestrafen, und als er sah, wie ein junger Mann auf seiner Baustelle eine alte Frau erschlug, um ihr das wenige Essen zu rauben, daß sie noch hatte, wollte er seine Schergen rufen, damit sie hinausritten, um den Frevler zu stellen. Da merkte er, daß er alleine war. Er konnte zwar jetzt noch viel mehr Untaten sehen als von seinen Turmfenster aus, aber er hatte keine Möglichkeit mehr, die Täter zu bestrafen. Als der Mond wieder auf den Turm zuschwebte, nahm der König wieder allen Mut zusammen und sprang hinüber. Dabei glitt ihm der Stein aus der Hand und fiel zurück auf den Mond. Der König weinte sehr, aber er sagte sich, daß er ja in der nächsten Nacht zurückkommen könne, um ihn wieder zu holen, und er stieg den Turm hinab, begab sich zu seinen Ministern, und ließ alle Gesetzlosen jagen, die er die Nacht über gesehen hatte. Da das aber nun schon eine Nacht her war, daß diese Verbrechen geschehen waren, war es sehr schwer für die Bewaffneten, die Täter zu finden, und es dauerte lange, bis einige zurück kamen. Da der König seine Regierungsgeschäfte schleifen hat lassen, während er nur den Turmbau im Auge gehabt hatte, stand nun viel an, und lang Zeit kam der König nicht dazu, auf den Turm zu steigen und seinen Stein wieder zu holen.
Nach Jahren des Friedens überfielen plötzlich Scharen von Wilden aus den Außenländern das Reich, und der König wünschte sich seinen Stein zurück, damit er sehen konnte, was sich an den Grenzen abspielte, und so stieg er eines Nachts auf den Turm, um wieder auf den Mond zu steigen und den Stein zu holen. Doch als der Mond näherkam, sah der König, daß er nun nicht mehr hinüberspringen konnte. Durch das hohe Gewicht des Steins hatte sich der Mond von der Erde entfernt.
Der König ließ wieder Architekten kommen, um den Turm zu erhöhen, doch dies war nicht
möglich. Sie hätten einen völlig neuen Turm bauen müssen.
So brach das Riesige Reich des Königs zusammen, weil er etwas vor Mäusen beschützen
wollte, was nur er hatte tragen können.
8. November 2001