Chuck starb letzten November.
Er hatte sich erhängt, in seiner eigenen Küche.
Am Abend vorher war seine Frau zurückgekommen.
Er hatte drei Jahre alleine gelebt.
Doch in dieser Zeit verließ er sein Haus nicht.
Er bestellte alles telephonisch und ließ es sich vor die Tür stellen.
Er hatte alle Spiegel, die Bilder und den Fernseher in den Keller gestellt, um keinen Menschen mehr sehen zu müssen. Schon der Anruf beim Pizza-Sevice bereitete ihm Höllenqualen.
Da er schon immer Angst hatte, alleine zu sein, versuchte er dadurch, sein Alleinsein nicht mehr so stark wahrzunehmen. Etwa vier Monate, nachdem seine Frau ausgezogen war, fing er an zu trinken. Und während er trank, schrieb er jeden einzelnen Gedanken, den er hatte, auf. Manchmal schlief er 50 Stunden lang nicht, nur um zu trinken und zu schreiben.
Er war besessen von der Idee, den Menschen, den er ja nur aus seinen Erinnerungen kannte, zu beschreiben. Er fing bei den Extremitäten an und beschrieb jedes Härchen, das ihm an irgendeinem Menschen aufgefallen war. Doch schon bald mußte er sich zwischen Mann und Frau entscheiden, und er wählte, wahrscheinlich unbewußt, eine Frau, die - seiner Meinung nach - das schönste Wesen auf Erden sein sollte. Und er schrieb, inzwischen hatte er schon an die tausend Seiten zusammen, und als er mit dem Körper fertig war beschrieb er die Gestik des Menschen, den er sich selbst erschaffen hatte. Er beschrieb wie sie streichelt, auch wie sie spricht, ihre Wünsche, ihre Leiden und ihre Lust. Dann wendete er sich ihrem Geist und ihrer Seele zu, den er häufig mit der Milde eines Engels und der Unbarmherzigkeit Gottes verglich. Als er damit fertig war, fiel er in eine tiefe Depression, und er ist verwunderlich, daß er nicht schon hier Suizid beging, doch möglicherweise hielt ihn der Gedanke an seine Traumfrau am Leben. Er begann, die Bücher, die er geschrieben hatte, immer und immer wieder zu lesen. Manchmal unterhielt er sich Stundenlang laut mit ihr, blickte interessiert in den Raum, wenn sie sprach, diskutierte mit ihr über seine Philosophie und redete mit ihr auch über Alltägliches, welche Seife sie benutzt, weil ihre Haut so weich ist, ob es sie stören würde, wenn er schnarcht und ähnliches. Er merkte absolut nicht, auch nicht wenn er nüchtern war, daß er alleine war, und er war glücklich. Er träumte, wie er mit ihr am Strand entlang ging, Hand in Hand, wie die sanften Wellen ihre Knöchel umspülten und den Sand unter ihren Füßen mit in den Ozean nahmen. Wie sie sich am Meer küßten und sich fallen ließen, um sich in dem seichten bewegten Wasser zu wälzen und miteinander zu schlafen. Doch nie kamen andere Menschen darin vor. Eines Tages schlug er vor, doch einmal auszugehen und etwas zu essen, vielleicht ins Kino zu gehen oder etwas Vergleichbares, doch sie widersprach und sagte, daß sie nur mit ihm alleine sein wollte, und er liebte sie viel zu sehr, als daß er ihr ernsthaft hätte widersprechen können. Eines Tages nun war sie, als er aufwachte, nicht da. Er durchsuchte das gesamte Haus und war schon kurz davor, alles kurz und klein zu schlagen, als er hörte, wie der Schlüssel in der Haustür gedreht wurde. Er hielt im Flur inne und schaute mit gesenktem Kopf und heftig atmend - der Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel - gespannt auf die Tür. Als sie aufging und sie hereintrat lief er auf sie zu und umarmte sie. Er flüsterte ihr ins Ohr, sie solle doch bitte nie wieder gehen und sie sagte ja, ich verlasse dich nicht mehr ich liebe dich doch. Sie setzten sich in die Küche und sie erzählte, daß sie es ja draußen probiert hätte, doch ohne ihn käme sie nicht weiter, sie brauche ihn nun mal. Sie gingen früh ins Bett und heute war sie noch viel lustvoller und schöner, viel erregender und hingebungsvoller als jemals zuvor. Tief befriedigt und glücklich schliefen sie beide eng umschlungen ein. Doch als er in der Früh aufwachte, war sie schon wieder weg. Das hatte sie in den letzten zwei Jahren nie gemacht. Er stand sofort auf und suchte sie kurz, doch er mußte mal aufs Klo, und als er die Tür öffnete sah er einen Menschen, den er nicht kannte. Er sah widerlich aus, ein richtiges Ekel. Aufgequollene Nase, fettiges unordentlich langgewachsenes Haar, verwilderter und dunkelgelbe Augen. Innerhalb von Sekunden stieg eine unglaubliche Wut in ihm auf, er ging auf ihn zu und schlug ihm mitten ins Gesicht. Die Glassplitter zerschnitten seine Hand und nach einem kurzen Schrei biß er sich in die geballte Faust. Zusammengekrümmt schleppte er sich in die Küche und hängte sich an der Lampe auf.