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Briefe an Vera 17 - 23

17

Liebe Vera

Es ist traurig, aber mein Augenlicht wird immer schlechter. Ich habe erst gestern wieder ein Päckchen Nudelsuppe mit einem Päckchen Reis verwechselt. Die Suppe war ungenießbar, doch ich brauche nicht viel zu essen. Ich muß in den letzten drei Wochen ungefähr 8 Kilo abgenommen haben, doch noch bin ich kräftig genug, um die drei Treppen zu meiner Wohnung hinaufzusteigen. Du kennst doch meine Wohnung? Diese netten drei Zimmer in der Altstadt, deren Fenster auf eine Einkaufsstraße zeigen. Früher saß ich da immer und blickte den jungen Pärchen nach, die zwischen Fast-Food-Lockalen, Schmuckgeschäften und Mode Boutiquen hin und her gingen, die Arme ineinander gehakt, ihr grünen Augen glitzernd von den goldenen Ohrringen in der Auslage, sein ständig besorgter Griff zum Portemonnaie, und seine vom Zigarettenrauch schon leicht gelblichen Zähne, die sie glücklich anlächelten, wenn sie an ihm auf und ab hüpfte, weil sie eine wunderschöne Brosche entdeckt hatte. Mit meinen Zähnen kann schon lange keiner mehr mithalten. Die drei Päckchen Filterlose, die ich am Tag rauche, werden mir von der Tochter des Zigarettenhändlers um die Ecke jeden Tag in die Wohnung gebracht, doch sie läutet nur, die kleine zehnjährige, und gibt sie mir an der Tür. Sie kommt nie herein. Schade.

       Du solltest sie dir mal anschauen.

                       Beckmann


18

Liebe Vera

Meine Augen müssen ein bißchen besser geworden sein, denn ich kann mich ab und zu Morgens im Spiegel erkennen. Das, was ich sehe, erinnert mich immer mehr an den alten Mann, der damals in unserer Straße lebte, als ich noch jung war. Der, der nachts immer mit seiner Flinte rausging, um auf nächtlich herumlungernde Juden zu schießen. Ab und zu traf er auch welche. Er tat das so lange, bis die Juden ihn dann in seiner Wohnung aufhängten.

Sie liesen ihn hängen und niemand vermißte ihn. Nur ich habe jeden Tag zu ihm reingeschaut und beobachtet, wie die Verwesung langsam voranschritt. Ich sehe jetzt ungefähr so aus, wie er, nachdem er drei Wochen lang hing.

       Schreib mir, dann schick ich dir ein Photo

                       Beckmann


19

Liebe Vera

Ich kann zwar nicht mehr viel erkennen, doch ich bin jetzt wieder dazu übergegangen, am Fenster zu sitzen und in die Straße hinunter zu blicken. Wie durch ein Wunder kann ich ausgezeichnet hören, und so lausche ich den Klängen des Lebens: Lachen und Schreien. Ich verhalte mich so wie so den ganzen Tag leise, damit ich höre, wenn eine meiner Mausefallen zuschnappt. Diese Mäuse sind eigentlich das einzige, was ich esse, denn mein Geld geht für Schnaps und Zigaretten drauf. Sie sind wohlgenährt, und so bin ich es auch. Wenn es zuschnappt, denn muß ich immer an allen Plätzen nachschauen, denn ich sehe jetzt wieder so schlechte, daß ich nur fühlen kann, ob eine Maus in der Falle ist. Ich hab mir dabei schon oft die Finger eingezwickt, aber das ist nicht so schlimm.

       Komm doch mal vorbei

                       Beckmann


20

Liebe Vera

Seit gestern beobachte ich Nebelschwaben, die aus meinen Abflüssen in der Toilette und der Küche kriechen. Anfangs habe ich sie nicht beachtet, doch jetzt habe ich Angst, die Fenster zu öffnen, denn es hat sich mittlerweile so viel Nebel angesammelt, daß Passanten wohl die Feuerwehr rufen würden, wenn sie ihn aus meinen Fenstern quillen sehen würden. So viel macht es mir aber auch nicht aus, denn ich sehe ja sowieso nicht so gut, und riechen tut er nicht.

Neulich gab es einen Stromausfall und meine Küchenuhr, die mit den roten Leuchtziffern, die einzige, die ich habe, ist ausgefallen, und ich kann sie nicht mehr stellen, jetzt weiß ich überhaupt nicht mehr, wie spät es ist.

       Na ja, was ist schon die Zeit, wenn man auf dich wartet?

                       Beckmann


21

Liebe Vera

Heute ist mir eingefallen, daß es ja sein könnte, daß du mir geschrieben hast und der Brief schon lange in meinem Briefkasten liegt, also bin ich hinuntergegangen und habe nachgeschaut, doch es war keiner da. Das hat mich traurig gemacht. Weil ich schon mal unten war, bin ich gegenüber in ein Café gegangen. Ich habe eine Espresso getrunken, hab fast vergessen, wie so etwas schmeckt. Bei dem Sonnenlicht konnte ich auch wieder etwas besser sehen. Ich denke, daß ich meine Wohnung jetzt doch einmal durchlüften werde, vielleicht finde ich meine Fallen leichter. Die Bedienung hat mich an mein Bild von dir in meiner Erinnerung erinnert. Eine zarte Frau von unschuldiger Schönheit aber mit einem sündhaften Lächeln. Ich wüßte gerne, wie du wirklich aussiehst, oder zumindest, wie du damals ausgesehen hast.

       Ich liebe Dich

                       Beckmann


22

Liebe Vera

Ich habe mein altes Röhrenradio wieder hervorgeholt und war erfreut, zu bemerken, daß es noch funktioniert. Du kannst dich doch sicherlich noch an diese Geräte erinnern, wenn man sie einschaltet, dann dauert er ersteinmal fünf Minuten, bis sie warm geworden sind, und dann kommt Musik. Ich habe einen Klassiksender gefunden, und auch einen mit moderner Musik, doch meistens stelle ich einen Sender ein, der fast nur Worte bringt. Ich habe ja nicht all zu oft Gelegenheit, Menschen beim Sprechen zuzuhören. Jetzt sitze ich oft Stundenlang vor diesem leicht leuchtenden Apparat und blicke in die Ferne hinter meiner schmutzig-grauen Wohnzimmerwand. Was die Stimmen sagen, verstehe ich nicht, doch es ist angenehm, einfach nur den Klang zu hören. Wenn ich dann zu Bett gehe, meistens graut schon der Morgen, denn schwirren mir Erinnerungen an Worte, die ich einst gekannt habe, im Kopf herum und das im Radio gehörte gewinnt an Bedeutung, doch meist wache ich dann schweißgebadet auf, habe nur kurz geschlafen, vielleicht eine Stunde, und habe sofort alles wieder vergessen. Doch der trocken-ascherne Nachgeschmack auf der Zunge bleibt, und das Wissen, daß es etwas gab, was ich wußte, und das es nicht mehr gibt. Dann setze ich mich wieder vor meine schmutzig-graue Wohnzimmerwand und schalte das Radio ein.

       Kannst Du Dich an etwas erinnern?

                       Beckmann


23

Liebe Vera

Ich merke langsam, daß es mit mir zu Ende geht, ich werde nicht schwächer, doch meine Zeit ist nah, daran besteht kein Zweifel. Ich bin nur froh, daß ich hier auf meinen Tod warten kann, nicht in irgendeiner Anstalt, in der man nicht einmal in Frieden sterben darf. Bitte, liebe Vera, tu mir zum Abschied noch einen Gefallen: Wo auch immer ich begraben werde, geh niemals an mein Grab. Nachdem ich jetzt so lange nichts von dir gehört habe, möchte ich auch nach meinem Tod dich so in Erinnerung behalten, wie du warst, einst, an einem Sommerabend in Rom.

                       Beckmann