Diese Texte entstanden während meines Berlinaufenthalts in den ersten beiden Februarwochen 2002. Ein Teil der Aufzeichnungen, die ich während dieser Zeit machte, ging leider verlohren, vielleicht finde ich Sie irgendwann wieder, bis dahin könnt ihr es als Skizzen einer Zeit betrachten, in der es mir nicht besonders gut ging. Diese Texte stehen in Zusammenhang mit Wohnungssuche.
Wir saßen zusammen in diesem Auto, dessen Marke nicht mehr zu erkennen war, auf dem Weg nach nirgendwo. Eine lange breite Straße, sanierte und sanierungsbedürftige Plattenbauten wechselten sich rechts und links ab. Ich hatte vergessen, wie lange wir schon unterwegs waren, und ich hatte keine Idee, wo wir uns befanden. Ich konnte die Umgebung nur bruchstückhaft wahrnehmen, das Mädchen auf meinem Schoß verdeckte etwa 90° meines Gesichtsfeldes, und schränkte meine Bewegungsfreiheit ein. Ihr Hintern drückte durch den doppelten Stoff userer Hosen warm gegen meinen Penis, was aber nicht erregend war.
Ich hatte mich bewußt für diese Einsamkeit entschieden, war weggegangen von der Frau, die ich liebte, ohne mich zu offenbaren. Der Wunsch, woanders zu sein, war diesmal stärker gewesen als das Bedürfnis nach Sicherheit. Dabei habe ich schon eine gewisse Sicherheit. Ich weiß schon heute, wo ich morgen schlafen werde, wenn auch nicht, wo in einer Woche. Aber es wird sich etwas finden.
Die Stadtteile kannte ich nicht, wir waren sozusagen auf sightseeing tour durch die feindlichen Bezirke der Stadt, die von den braunen besetzt worden waren. Es gab Leute, die hatten Angst, sich hier zu bewegen, und andere, die wohnten hier gerne. So wie immer halt.
Die Stimmung war gelößt, und ich versuchte mich anzupassen, es gelang mir, vielleicht waren die anderen sogar der Meinung, ich wäre hier die Stimmungskanone, wenn ich auch nur der war, der am meisten zu verbergen hatte. Interessant: Hat der am meisten zu verbergen, der die Witzt macht, oder die, die darüber lachen?
Ich werde die Antwort wohl schuldig bleiben, oder ich frag mal einen der anderen.
Mit was für Leuten war ich da unterwegs? Hinten saßen zwei Typen, den einen kannte ich nicht, er hatte einenGipsfuß, und ich war dankbar, denn deshalb mußte das Mädchen auf meinem Schoß sitzen. Er war der einzige, der aus dieser Stadt kam. Er hatte auch die entsprechende Schnauze. Der daneben war mir bekannt. Vor langer Zeit an einem See gehörte er zu den Typen, über die ich schmunzelte. Einer von den kleiner, als ich selbst noch ein kleiner war. Jetzt ist dieses Gefühl dem gewichen, das ich für so viele Menschen habe, die mciht nicht stören, aber auch nicht berühren. Er variierte zwischen klugen Sprüchen und intellektuellen Witzen. Amüsannt.
Den Fahrer kannte ich schon länger, mit ihm hatte ichz früher viel gekifft, und ich kenne auch diverse interessante Musik durch ihn. Nicht unbedingt ein Seelenverwandter, aber doch jemand, mit dem ich eine gute Zeit haben kann. er lacht immer über meine Witze, vor allem über die, die ich selber lustig finde. Ich mag ihn.
Und dann ist da dieses Mädchen. Ich kenne sie nun auch schon eine Weile. Nicht gut. Ich muß ihr irgendwann einmal gesagt haben, daß ich ihr Klavierspiel gut finde. Ihr hat das was bedeutet. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Das ist nicht ganz wahr, nachem sie mich daran erinnert hat, habe ich ein Gefühl von einer Situation, in der ich sehr betrunken war.[...]
Dieser Mann hatte mich angesprochen. er schien nicht in die Szenerie zu passen. Lauter junge schöne Menschen. Ich passte auch nicht hinein. er war mir schon aufgefallen. Saß mit gegenüber, nur ein paar Minuten.
Durch den ganzen Raum getrennt. Ich bin ein Krieger! Bin pissen gegangen, er sprach englisch. Tat er das für mich? Ich bin so geeicht, daß ich englische Sätze cooler finde als deutsche. Vor allem, wenn es nonsens ist.
Er sang ein Lied: »All you need is love!« Und das jetzt! Er beschwatzte einen Jungen, er tat mir leid. Der Junge. Dann kam ich, und im selben Moment war der andere weg. Ich erinnere mich nicht an ihn. Der Alte schlug mir einen Handel vor.
Er würde mir ein Lied singen, wenn ich ihm ein Bier spendierte. Ich hatte noch etwaas Geld übrig, so ging ich darauf en, und der Typ konnte wirklich singen.
Hoffentlich treffe ich ihn nie wieder! er sang einen Blues,m sang von Liebe und Problemen, und ich kam ins Feeling und ich klatschte mit und sang etwaas Bass dazu. Es war schön.
Und dann sang er, daß er der Teufel sei. Ich lachte darüber, wie ich es gewohnt war, über solche bizarren Typen zu lachen, die man nachts auf den straßen und in den Kneipen dieser Stadt traf.
Ich nahm ihn nicht ernst.
Er beendete das Lied un gratulierte mir zu meiner Begleitung. Er erzählte mir etwas von sich, daß er 57 sei, und zeigte mir seinen von einem
Unfall zerschundenen Arm. Ich kaufte ihm das versprochene bier und er setzte sich zu mir an den Tisch. Das war mir etwas unangenehm, da ich
schreiben wollte. [...]
Wiedermal ist dieses Gefühl da, daß ich etwas über mich erfahren kann. Was wird es diesmal sein? Ich merke – meine Umwelt merkt – daß ich Angst habe. Die Gesichter dieser Menschen sind nicht mehr die gleichen. Sie blicken mich in Fratzen an, von denen ich nicht geglaubt hatte, daß sie außerhalb meiner Träume existieren. Die Welt scheint etwas von mir zu fordern, und ich habe Angst, ich habe Angst davor zuzugeben, daß ich Angst habe. Der warme Busen, an dem man sich ausweinen kann, sit mir versagt, ich stehe allein. Ich finde Ruhe in einer Herberge für eine Nacht, sie geben mir Nahrung und Taback, sie geben mir ein Mindestmaß an Geborgenheit, aber sie geben keine Liebe. Sie haben sie einmal gegeben – ach, ich bin mit da nicht mehr so sicher – ich kann mich nicht erinnern. Ich glaube, eine Dimension von Liebe entdeckt zu haben, die jenseits aller bekannten Schranken liegt. Aber ich komme nicht an sie ran. Sie liegt vor mir und ich traue mich nicht, sie zu berühren. Ich darf sie nicht berühren, weil sie dadurch unrein werden würde. Weil ich unrein bin. Warum bin ich unrein? Ich bin nicht von hier. Nicht von der gleichen Seite der Realität wie die Menschen meines Umfeldes, und auch nicht von der gleichen Seite wie die Liebe, die ich gefunden habe. Ich versuche, eine Stätte zu bauen, an der Sie sich niederlegen kann, ein Heim, für meine Liebe und mich, ein Platz, um Frieden zu finden, weg zu sein von allem, was belastet. Aber ich kann diesen Platz nicht finden. er bleibt mir verwehrt. Wenn ich versuche, ihn zu finden, sind alle nett zu mir, und wünschen mir Glück, aber wenn ich dann an ihre Türen klopfe, verwehren sie mir den Zutritt, ohne Begründung, sie lächeln sogar dabei. Aber es ist falsch. Alles ist falsch in dieser Realität, die ich nicht kennen lernen wollte.
Und plötzlich fiel es mir ein. Ich war auf der Suche nach meinem eigentlichen Wünschen gewesen und war auf Michael Ende getroffen, auf die Unendliche Geschichte, an deren Ende Bastian erkennt, was er wirklich will: Liebe, und was noch wichtiger ist: Lieben können. So einfach und nur mit äußersten Mühen zu erreichen. Analog dazu führte ich den Gedanken fort ud überlegte, wo auf dieser Großen Suche ich mich befand. Alles, was Bastian in Phantasien erlebt, erschien mir noch unglaublich weit weg. Er beherrscht die Dinge, auch Xayíde, die Hexe in der sehenden Hand. Er ist auf dem falschen Weg, aber alles gehorcht ihm. Dagegen fühlte ich mich mehr wie Atreju, der etwas sucht, was er niemals finden kann, weil Es ihn finden muß. Und plötzlich war es klar: Diese Stadt mit ihren vielen Lichtern, ihren Stimmen, ihrem unablässigen Summern und Surren, das war Ygramul, die Viele, die Kurzsichtige, die dich tötet und dir dabei einen Wunsch erfüllt. Doch wer war ich, Atreju oder Fuchur? Ja, ich war verletzt, ich blutete aus tausend Wunden, aber wer wäre der Atreju, der mich retten würde? Und ja, ich war auf der Suche, nach dem Südlichen Orakel, wenn man es so nennen will, aber wer wäre der Freund, der mich von nun an begleiten sollte?
Mir hat Ygramul noch ein Geschenk bereitet. Als ich heute aus dem Haus trat, lag eine hauchdünne weiße Schneedecke, noch nicht von einem einzigen Fußabdruck oder einer Autospur verunreinigt. So hatte ich noch Gelegenheit, meine „Spuren“ in dieser Stadt zu hinterlassen. Doch was für Spuren waren es? Schon um die Nächste Ecke waren Fuß und Raifen dabei gewesen, ihre eigenen Spuren zu hinterlassen, bis isch meine ganz im Schneematsch verliefen. Und auch dieser würde schmelzen. Was interessierte es diese Stadt, was ich in ihr trieb?
Ich werde gerade geboren, möchte schreien, aber ich bekomme noch keine Luft.
Und jetzt ist es vorbei.
Seltsam ist, daß ich es beim letzten Mal nicht erwarten konnte, hierher zu kommen, und jetzt kann ich es kaum erwarten, weg zu kommen. Wenn ich edas Geld hätte, wäre ich schon gefahren, so muß ich noch zwei Tage auf eine gelegenheit warten. Es hat solange gedauert, hierher zu kommen und ich hatte kein Glück. Die Dinge, die ich mir vor einem halben Jahr gewünscht hatte, gehen jetzt in Erfüllung, aber jetzt ist es zu spät. Was nützt mir eine Wohnung, wenn ich sie nicht bezahlen kann. Was nützt mir eine Band, wenn ich hier nicht leben kann? Habe ich es überhaupt versucht? Wenn ich es wirklich gewollt hätte, hätte es klappen können, aber der Wunsch, lieber in der HÖLLE mit Ihr als im HIMMEL ohne Sie zu sein, war stärker. Ich will einfach da sein, wo Sie ist, nirgends sonst. Die Orte, die ich für mich entdeckt zu haben glaubte, wirken leer, das Bier schmeckt schaal, die Musik ist laut und unangenehm, meine Freunde langweilen mich.
Das Wetter ist kalt, es weht ein eisiger Wind. Ich sehne mich nach einem großen Bett, einem warmen Rücken, an den man sich anlehnen kann. Ich sehne mich nach leisen, in die Dunkelheit geflüsterten Worten, nach warmem Atem auf meiner Wange.
Ich nehme Abschied.
Die Pizzaria, in der ich gerne gegessen habe, die Kneipen, in denen ich schrieb, in denen ich abgestürtzt bin. Die Straßen, die ich in Dunkelheit entlang leif, auf der Suche nach Licht.
Die Menschen, Freunde und Unbekannte, wohlgesonnene udn befremdliche. Ich werde nicht wiederkommen, nicht als jemand, der hier bleiben möchte, vielleicht als ein Gast, ein keuzes Intermezzo in einer Stadt, die mich nicht wollte, und die ich nicht beugen konnte.
Dies ist mein Abschiedsbrief an diese Stadt.
19/02/02