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Willensfreiheit

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Hallo mein liebes Forum

Da bin ich nach einem halben Jahr wieder einmal hier, und gleich zu anfang steht ein Thread über freien Willen / Determinismus / Kausalität u.ä. Was für ein Zufall! Genau daß wollte ich gerade schreiben. Ich habe mir jetzt nicht alles durchgelesen, sondern will einfach mal ein paar Gedanken formulieren:

1) Kausalität:

Der Grund für die Annahme, daß die sich Welt kausal verhält liegt darin, daß wir uns an Dinge erinnern, die geschehen sind. Wir wissen aber nicht wirklich, was geschehen ist, sondern wir erinnern uns daran. D.h. ich verbinde das, was ich wahrnehme nicht mit dem, was geschehen ist, sondern mit dem, woran ich mich erinnere. Das verändert sich auch nicht dann, wenn ich technische Hilfsmittel einsetze, um Aufzeichnungen über die Vergangenheit zu machen, denn ohne meine Erinnerung daran, warum diese Aufzeichnungen gemacht wurden, sind sie für mich nur Datenmüll.

Schönes Beispiel hierzu: Die Interpretation von antiken Texten gestalltet sich häufig deshalb so schwierig, weil wir nur Vermutungen anstellen können, wovon sie eigentlich handeln. Um es technischer Auszudrücken: Wenn ich eine Computerdatei bekomme, und nicht weiß, von welchem Typ sie ist, weiß ich auch nicht, was darin steht (obwohl ich die Daten habe). Wenn ich sie als JPEG anzeige, so wird ein Bild entstehen, wenn ich sie als MP3 anhöre, werden Klänge entstehen (wobei ich natürlich sehr fehlertollerant sein muß, eben gerade so wie bei antiken Texten). Aber ist das nun wirklich das, was der Urheber der Daten damit meinte?

Physiker fragen sich gelegentlich bei Messungen, was sie da eigentlich gemessen haben.

Wenn also alles Vergangene in unserer Erinnerung ist, gibt es eigentlich keinen Grund anzunehmen, die Vergangenheit sei von unserer Erinnerung unterschiedlich. Dann wäre aber die Vergangenheit genauso wandelbar wie die Erinnerung an sie, und die alte Volksweisheit, daß man in der Erinnerung der Hinterbliebenen weiterlebe, hätte plötzlich eine neue Dimension, da Leben Veränderung bedeutet.

Kausalität wäre nichts als eine mögliche Interpretation unserer Erinnerungen.

2) Determinismus:

Daneben ist mir nie klar geworden, warum immer angenommen wird, daß die Kausalketten in die gleiche Richtung laufen sollen wie unsere Zeit (wenn man einmal annimmt, daß es Kausalketten gäbe). Normalerweise sieht man das ja so:

 

- Hans stößt mit seinem Arm an den Blumentopf auf dem Fenstersimms.

-> Der Blumentopf wird über den Rand des Simms bewegt.

-> Durch die Schwerkraft fällt er auf den Boden

-> Wo er zerbricht.

 

Die logische Umkehrung ist:

Weil der Blumentopf am Boden zerbrechen wird, stößt ihn Hans mit seinem Arm über das Fenstersimms.

 

Da haben wir dann den Determinismus. Aber wenn ich als Anfang der Kausalkette ein Ereignis außerhalb von mir nehme und als Ende meine Reaktion darauf, habe ich in etwa folgendes:

- Der letzte Bus kam 5 Minuten zu früh, deshalb hat Hans ihn verpasst.

-> Jetzt muß er zu Fuß gehen.

 

Umgekehrt:

Weil Hans zu Fuß wird gehen müssen, ist der letzte Bus zu früh gekommen.

 

3) Freier Wille

Das Problem an der letzten Formulierung ist das Prädikat, das eine Wertung über die Ursache einer Handlung abgibt: „wird gehen müssen“.

Wenn ich also den ersten Satz so formuliere: „Weil der Bus zu früh gekommen ist, genießt Hans einen Nachtspaziergang“, dann könnte ich auch behaupten, daß Hans den Spaziergang machen will, da er ihn ja genießt, daß er ihn aber nicht gemacht hätte, hätte er den Bus erwischt, d.h. in der Umkehrung, daß der Bus zuspät kommt, weil Hans einen Nachtspaziergang machen wollen wird.

Der Unterschied in der Fragestellung ist eben der Bezug zum Jetzt: Es ist zwar nicht passiert, was ich wollte, aber es passiert, was ich will.

Nebenbei bemerkt: Ich bin zwar nicht Hans, aber diese Geschichte habe ich so erfahren.

Ich habe also eine Welt aus sich in beide Richtungen erstreckenden Kausalitäten, und mein einziger Bezugspunkt ist das eigene Ich. Folglich passiert alles weil „Ich“. Aber Moment: Die Kausaliäten sind ja auch nur ein Teil meiner Selbst in Form der Erinnerung.

Die Frage ist für mich, ob ich einen freien Willen haben will, und ich impliziere dabei, daß ich zumindest diese Entscheidung frei treffen kann. Wenn ich mich dagegen entscheide, dann ist das wie in einem katholischen Kloster, in dem die einzige Wahl, die die Mönche haben, die Wahl eines neuen Abtes nach dem Ableben des Vormaligen ist. Ansonsten entschließe ich mich einfach dazu, zu wollen, was mir passiert, bzw. daß passiert, was ich will, bzw. daß mein Wollen und mein Werden in Einklang sind. Je nachdem, wie psychologisch bzw. esotherisch man es formulieren möchte.

Um moralisch zu werden: Ich halte das Abstreiten einer Willensfreiheit für sozial kontraproduktiv. Aber das nur am Rande

Soviel zu

Vendetta