Was ich hier genau schreiben will, ist mir auch noch nicht ganz klar. Die Situation war folgende:
Ich stand hinter der Bar und war mit Aufräumen beschäftigt, als ein zwar ungebildeter aber nicht unwillkommener Stammgast eine Einschätzung der wirtschaftlichen Lage des Kloster Andechs verlange, die ich ihm auch prompt gab.
Es war ein Gespräch wie ein Spiel, in dem ich ihn, der mit einer Meinung, die offensichtlich der Bildzeitung entnommen war, zu mir kam, langsam glauben ließ, was ich ihm sagte. Dabei war es nicht so, daß ich nicht geglaubt hätte, was ich ihm erzählte, es war nur so unsagbar einfach, ihn dies auch glauben zu lassen. Ich war mir dessen nicht bewußt.
Hernach viel mit auf, daß ich in vielen Punkten die Lage des Klosters mit der Lage der Kneipe verglichen hatte, in der ich arbeitete und der es ebefalls gerade gar nicht gut ging. Wir kamen schließlich auf die Beweggründe der beteiligten Personen zu sprechen. seine Sichtweise – „wegen dem Bier gehen die Leute wieder in die Kirche“ – mußte ich zustimmen, da es mir einleuchtete, daß es sonst ja wirklich keinen vernünftigen Grund geben konnte, den Boden eines Klosters zu betreten; auch wenn auch dies jener Zeitung entstammen mag.
Aber seine Schlußfolgerung „und das sollte den Mönchen doch gefallen“ (er hat das natürlich ohne den Konjunktiv gesagt, also weg mit den Gänsefüßchen) widersprach ich. Ich analysierte das Ganze eher gruppendynamisch: Ich verglich die Situation im Orden mit meiner in der WG, aus der ich vor kurzem erst ausgezogen war, in der mich aber noch viel hielt. Es kam mir ganz natürlich vor, das zu tun, und dies ist der Punkt, an dem es interessant wird. Denn als Anhänger eines extrem aufgeklärten Egoismusses bin ich immer offen für Erfahrungen, die ganz natürlich sind, und die ich im nachhinein analysieren kann.
Nun also die Idee: Kann es sein, daß wir Menschen, die wir nicht persänlich kennen oder mir denen wir nur wenige Worte gewechselt haben, in die Klischees collagieren, die wir aufgrund der Menschen haben, die wir wirklich gut kennen? „Ja klar, keine Frage,“ werden Sie sagen, und vielleicht haben Sie auch recht. Ich meine das aber nicht freudianisch, daß man mit dem Chef auf der Arbeit immer den trunkenen Vater assoziiert, der einen von der Schule abholt und vor der ganzen Klasse blamiert. Ich taue dem Menshen da etwas mehr Feingefühl zu. Er bedient sich in der bekannten Umwelt und versucht, Dinge, die sich ähneln, möglichst Deckungsgleich zu interpretieren. Das nennt man auch „Abstrahieren“. Es wird zu den bedeutensten Leistungen des menschlichen gehirns gewertet, wenn auch bekannt ist, daß es auch Tiere gibt, die zumindest in gewissen Grenzen abstahieren können.
Nehmen wir das Äpfel und Birnen Beispielt: Ich habe 7 Äpfel. Davon kann ich nicht abstrahieren (bzw. ich kann alles abstrahieren, und alle Abstraktionen zusammen ergeben wieder 7 Äpfel). Lee ich sieben Birnen dazu, so kann ich abstrahieren, daß ich beidemale 7 Stück Obst habe. Lebe ich 7 Bonsai-Bäume daneben, so habe ich 21 Pflanzen usw. Die größte Abstraktion ist die Zahl 7 ohne Eigenschaften, und jetzt lege ichdie Zahl -1 dazu, und ich habe Ganzzahlen.
Je mehr verschiedene Dinge man kennt, um so besser kann man in verschiedenen Stufen abstrahieren: „Frau Lose ist nicht so dumm wie Herr Meier, aber dümmer als ich.“ In dieses schema kann ich alle Menschen einsetzen, die ich kenne und werde so dem Kern von Frau Loses Dummheit (oder dem Kern meiner eigenen) immer näher kommen.
Aber mal den Extremfall angenommen: Jemand kennt nur zwei Dinge: Seine Frau, die er haßt, und FC Bayern München, den er liebt. Wenn dann jeden Morgen die Bildzeitung ins Haus fliegt, gibt es drei Sparten, in die eine Person, über die „berichtet“ wird, eingeordnet werden können: Entweder sind sie wie meine Frau, oder sie sind wie der FC Bayern, oder sie sind so wie ich: Ein Opfer der Gesellschaft, jemand, der mir diesem Alptraum an Eherau geschlagen ist und eigentlich bei Bayern im Tourbus mitfahren sollte.
Das nennt man dann Einfühlungsvermögen.